Sommerferien kürzen? Niemals!

Morgen enden offiziell die hessischen Sommerferien. Am Montag darf ich meinen Kindern wieder Schulranzen und Rucksack aufsetzen, sie zum Abschied küssen und sie hinaus in die Welt schicken. Am Montag übergebe ich sie wieder ihren Lehrerinnen und Erzieherinnen, ihren Freundinnen und Kameraden. Sie werden wieder ihren Hobbys nachgehen, Hausaufgaben machen müssen oder für Klassentests lernen. Kurz gesagt – wir starten zurück in den Alltag.

Ich muss gestehen, mittlerweile freue ich mich, sie endlich wieder ins „normale Leben“ zu schicken. Nach sechs Wochen Ausnahmezustand gefällt mir der Gedanke, dass meine Tage ab Montag wieder berechenbar sind. Ab dann weiß ich nämlich wieder, zu welchen Tageszeiten ich mich um Haushalt und Beruf kümmern kann und wann ich ganz sicher von Fragen, Tränen oder Alltagsgeschichten, die keine Sekunde warten können, unterbrochen werde. Seit Mitte Juli steht das Leben bei uns daheim etwas stiller als sonst. Der Staub hat es sich allenorts gemütlich gemacht, eine latente Unordnung durchzieht die Räume, der Blog schweigt und hier liegen 1000 andere Dinge unerledigt rum. Es wird Zeit, dass sich das ändert, keine Frage.

Dreingeben möchte ich die letzten sechs Wochen trotzdem um nichts in der Welt. Niemals, wirklich niemals werde ich fordern, die Sommerferien unserer Kinder zu verkürzen oder irgendwelche anderen Ferien. Im Gegenteil – der Erhalt dieser Freiräume ist mir eine Herzensangelegenheit, eine für die ich so sehr brenne, dass ich mich dafür wahrscheinlich nackt am Ministerium anketten würde, wenn es nötig wäre.

Es macht mich wütend, dass in den letzten Jahren immer wieder Stimmen durch die öffentliche Diskussion geistern, die das anders sehen. Den Ruf, die Ferien zu verkürzen, damit wir Eltern Beruf und Familie besser vereinbaren können, empfinde ich als Unverschämtheit – ja regelrecht als Verbrechen an der nächsten Generation. Mit welchen Recht, frage ich mich, können wir Eltern unseren Kindern nehmen, was wir selbst gehabt und genossen haben? Mit welchen Recht dürfen wir die kindlichen Bedürfnisse noch weiter beschneiden und an die Gesetze von Markt und Wirtschaft anpassen? Wer sind wir, dass wir uns anmaßen zu entscheiden, dass Ruhepausen und Muße plötzlich nicht mehr so wichtig sind wie Profit, Verfügbarkeit und Bildungswahn?

In den Ferien, speziell im Sommer, wenn Schuljahr und Klassenarbeiten abgeschlossen und Zeugnisse geschrieben sind, dürfen unsere Kinder endlich loslassen. Endlich sind ungeliebte Lehrer, schwierige Fächer oder mobbende Klassenkameraden mal meilenweit weg. Endlich einmal dürfen sie das Eis in der Sonne als wichtigsten Moment des Tages ansehen. Endlich einmal dürfen sie vom Aufstehen bis zum Schlafengehen selbst entscheiden, was sie mit ihrer Zeit anfangen wollen. Endlich einmal darf kreative Langeweile das größte Problem sein.

Wenn ich an meine eigene Kindheit denke und an meine Sommerferien, dann sehe ich mich mit meinem Bruder durch den Ort ziehen, von Spielplatz zu Spielplatz oder zum Brückenpfeiler unter der Fuldabrücke, auf dem wir Chips naschend sitzen und Musik hören. Ich sehe uns Rucksäcke für den Familienurlaub packen oder Autorennen auf dem Flur veranstalten. Ich sehe uns mit unserer Cousine im Schwimmbad und hinterher in Omas Hinterhof beim Grillen. Uns beide, meinen kleinen Bruder und mich, trennen viereinhalb Jahre. Wir waren somit nur selten auf denselben Schulen oder in denselben Lebensphasen. Trotzdem waren wir eng und sind es bis heute. Ich bin mir sicher, dass es genau solche Momente waren, die uns zusammegeschweißt haben. Momente der Freiheit und des kindlichen Abenteuers, Momente in denen unsere größte Sorge war, ob Papa das Planschbecken und den Rasensprenger schon aufgebaut hat. Wer wäre ich, wenn ich meinen Kindern das heute nehmen wollen würde?

Es ist schwieriger geworden für Eltern, das sehe ich ein, aber es ist an uns Erwachsenen, Lösungen für die Probleme unserer Generation zu finden, nicht an unseren Kindern.

Advertisements

#Blogparade: Darf man heute noch Hausfrau sein?

Eigentlich wollte ich einen Blogartikel über Manuela Schwesigs neusten Vorschlag machen. Die Familienarbeitszeit wird wild im Netz diskutiert und ich hätte viel zu diesem Vorschlag zu sagen. Anderseits sehe ich nicht ein, einen völlig unausgegorenen und mit dem Koalitionspartner nicht einmal abgesprochenen Vorschlag hier auf dem Blog zu kommentieren, denn er ist für mich vor allem eins ist – die Eröffnung des Wahlkampfs aus dem Familienministerium.

Deshalb beschäftige ich mich heute lieber mit der Gruppe von Eltern, für die Frau Schwesig keinerlei Ideen hat und die es in ihrem Universum gar nicht mehr geben dürfte – den Hausfrauen. Sonja, von Sonjas besonderer Welt, hat von mir beinahe unbemerkt zu einer Blogparade aufgerufen und stellt die provokante Frage: Darf man heute noch Hausfrau sein? Genau mein Thema, liebe Sonja und deshalb bekommst du hier meine Antwort:

Sonja schrieb, dass sie auch interessiert, wie die Autorinnen selbst leben. Wer meinen Blog in den letzten Monaten aufmerksam verfolgt hat, der weiß, dass ich bisher keine klassische Hausfrau war – und mich nun auf dem Weg dahin befinde.

Hausfrau – ein Wort das man fast nicht mehr verwenden möchte

Halt, ist das wirklich so? Würde ein Dasein als Hausfrau mich nicht zu sehr auf die heimischen vier Wände reduzieren? Was ist mit meinem ehrenamtlichen Engagement, meiner Bloggerei und Schreiberei? Meiner Ausbildung zur Eltern- und Familienberaterin, die ich demnächst beginne. Nun, fassen wir zusammen, ich bin bald nicht mehr erwerbstätig und werde mich in den nächsten Jahren schwerpunktmäßig um die Bedürfnisse meiner Familie kümmern. Ach was soll das? Nennen wir es doch beim Namen: Ja, ich werde Hausfrau.

Hausfrau sein – das wollte ich nie. Allein das Wort hat lange Zeit dafür gesorgt, dass sich meine Fußnägel kräuseln. Hausfrau, das klingt irgendwie nach Kittelschürze, Fleischwolf und Lockenwicklern. Kein Wunder also, dass wir Frauen, die wir längere Zeit nicht erwerbstätig sind und darüber schreiben, uns im Englischen bedienen, wenn es darum geht, unseren Berufsstand zu beschreiben. Die stay-at-home Mom oder die Homemakerin klingen irgendwie besser – das riecht so ein bisschen nach Apfelkuchen, Kräuterbeet, Blumen im Haar und einem Shop bei Dawanda.

Hausfrau sein als selbstbestimmte Entscheidung

Dieser Lebensentwurf indes hat mich schon zu Zeiten fasziniert, zu denen ich selbst nicht einmal geahnt habe, dass es mal mein Weg werden könnte. Sich heute noch dafür zu entscheiden und selbstbewusst dazu zu stehen, das zeugt von Mut und von der Kraft, gegen den Strom zu schwimmen. Außerdem ist die Gestaltung der eigenen Arbeit um einiges selbstbestimmter, als das Buckeln für anonyme Firmen und Chefetagen.

Ich habe mich viele Jahre meines Lebens als teilnehmende Beobachterin in einem eher linksalternativen Umfeld herumgetrieben. Teils fasziniert, teils ungläubig staunend habe ich in dieser Zeit alle möglichen und auch völlig unmögliche Lebensentwürfe kennengelernt. Sich selbst versorgende Bewohner eines Wagenplatzes, reisende Hippie-Mädchen mit Gitarre, Hut und Gelegenheitsjobs, Aussteiger, die auf den Straßen dieser Welt lebten, gealterte Langzeitstudierende, Hausbesetzer und sogar Menschen, die freiwillig ohne Strom, fließendes Wasser oder Geld lebten, die ihre Ausweise verbrannt hatten und sich witzige Namen wie Tütü, Öfföff oder Frodo gaben und nur hatten, was man ihnen schenkte oder was sie selbst produzieren konnten. Gemein hatten all diese Menschen, das sie gegen den Strom schwammen und die Höher-Schneller-Weiter Ideale unserer Gesellschaft ablehnten.

Das Hippie-Mädchen von damals kann also gar nicht anders, als auch im Lebensentwurf der Hausfrau vor allem eins zu sehen – ein Leben gegen den Strom, eine Alternative zum kalten Wind, der uns Müttern derzeit ins Gesicht bläst. Eine klare Absage an Zwangsoptimierung von Frauen- oder Kinderbiografien. Ein deutliches Ich-mache-mein-Ding. Kurz – einen Lebensentwurf für den es sich noch lohnt, sich nackt anzuketten.

Der Konservativismus als letzter Zufluchtsort der Hausfrau

Einst habe ich mit meinen Freunden von damals gekämpft – für Wagenplätze, gegen Langzeitstudiengebühren, für das Recht auf ein selbstbestimmtes Leben. Nichts davon wäre je meine Art zu leben gewesen, aber es war ihre und somit hatten sie eine Berechtigung. Umgekehrt scheint es doch um einiges schwieriger zu sein. Für meine links-feministischen Schwestern von damals bin ich schon längst ein Totalausfall, zu spießig, zu retro, zu sehr Muttchen, zu sehr gefangen im falschen Frauenleben. Statt für meine Art der Selbstbestimmung kämpfen sie für mehr, längere und frühere Kinderbetreuung und gegen meinen Wunsch, meine Kinder länger und öfter bei mir zu haben. Sie wollen für unsere Kinder eine Welt aus Vorschriften, Mauern und Institutionen bauen, die sich für sich selbst so lange abgelehnt hatten.

Verständnis für meinen Entwurf finde ich ausgerechnet beim einstigen Klassenfeind – im konservativen Milieu darf man noch Hausfrau sein – zumindest ein bisschen. Das ist okay, denn neben dem Hippie-Mädchen wohnte in meinem Herzen auch schon immer eine Spießerin. Eine die besetzte Häuser für die anderen wollte und ein eigenes Reihenhaus für sich. Eine, die nicht den ungewaschenen Typ aus der Abrisshütte geheiratet hat, sondern den RCDS-Vorsitzenden. Eine, die schon immer fand und noch findet, dass ein bürgerliches Leben nicht die schlechteste Grundlage ist, Kinder in diese Welt zu geleiten. Eine, die gern Sicherheit und Geborgenheit weitergibt und ein Zuhause schafft und eine die gern weniger Karriere und mehr Kind macht, wenn dies nötig ist.

Darf man heute noch Hausfrau sein? Das Hippie-Mädchen und die Spießerin in meinem Herzen sind sich einig: Natürlich darf man das – und wir finden es super!

 

 

Übers Arbeiten, Leben und Bloggen

Die letzten Wochen waren pfffff. Hart. Anstrengend. Unbefriedigend. Ausbrennend. Erschöpfend. Grenzkompensiert. Unser Leben hat mit einem Mal eine Schlagzahl bekommen, die wir so nie geplant, geschweige denn gewollt hatten. Da sind die drei Kinder, da sind insgesamt 50 Stunden Job, verteilt auf einmal 40 und einmal 10 Stunden. Eigentlich wollten wir immer nur 40 Stunden und die geteilt, aber es kam anders, aus verschiedenen Gründen. Da sind Hobbys und Ehrenämter, die gefüllt werden wollen. Da sind Dinge, die wir nicht ändern können, die aber erledigt werden müssen. Da ist ein Haus, das ein Zuhause sein soll und nicht nur ein Dach überm Kopf mit vollem Kühlschrank. Da sind Zweifel. Da ist die Frage, ob ich noch die Hauptdarstellerin in meinem Film bin und wer eigentlich verdammt nochmal gerade Regie führt.

Da ist keine Zeit. Da ist keine Muße. Da ist kein Raum zum Durchatmen, zum in die Sonne schauen, zum Wolken beobachten, zum Regenwürmer zählen, zum Erbsen beim Wachsen beobachten. Da ist kein Raum, um selbst zu wachsen oder um gut auf sich aufzupassen.

Erwachsenenleben, so habe ich lange gedacht, ist halt einfach so. Da beißt man die Zähne zusammen und trägt Verantwortung – für sich, für die Kinder, für den Mann. Für die Rente, für das Haus, für alle Eventualitäten.

Mutter sein, das heißt aber auch lieben. Bedingungslos lieben, freigiebig lieben. Unerschöpflich lieben. Ehefrau sein, das heißt auch lieben, ähnlich freigiebig, unerschöpflich und bedingungslos. Tochter sein, Enkelin sein, Schwester sein, Nichte sein, Cousine sein, Freundin sein – das heißt ein offenes Herz haben – und lieben. Es liebt sich aber nicht gut mit zusammengebissenen Zähnen.

Arbeiten, das heißt mehr als nur Geld verdienen, es heißt sein Bestes geben. Präsent sein. Sich drauf einlassen und nicht mit halben Herzen und zusammengebissenen Zähnen dazusitzen und Rente und Katastrophenszenarien abzusichern.

Christin sein, das heißt, nicht allein verantwortlich zu sein. Das heißt darauf zu vertrauen, dass man nicht alles absichern muss, weil jemand anders ein Netz spannt und Regie führt. Es heißt weiterdenken, über materiellen Wohlstand, Katastrophen und Sicherheitsbedürfnis hinaus. Ja, sogar über dieses Leben hinaus.

Mutter sein, Ehefrau sein, Christin sein, Mensch sein und Erwachsen sein, das heißt vor allem, gut auf sich zu achten. Es heißt heil zu bleiben, weil einem ein Sicherungsnetz nichts nützt, wenn man in Stücke gebrochen drauf fällt.

Heil sein, das heißt manchmal auch einfach springen. Ohne Netz – aber hoffentlich mit Flügeln und starken Armen.

Ich springe – raus aus dem Job. Rein in ein neues Leben. Zukünftig bin ich Homemakerin, Erziehungswissenschaftlerin – und hoffentlich irgendwann in den nächsten Jahren Eltern- und Familienberaterin. Ich möchte eine neue Balance finden, für mich, für uns, für unser Leben.

Ich habe Unvereinbarkeitsdebatte aufgebaut, weil ich die öffentliche Sichtweise auf die Vereinbarkeit von Beruf und Familie in Frage stellen wollte. Besonders durch die Gastbeiträge, aber auch durch Mails und Kommentare, die ich erhalte, habe ich viel gelernt. Besonders, dass es nicht den einen Weg gibt. Es ist nicht für jede Familie besser, wenn einer ganz daheim bleibt, es ist aber auch nicht für jede Familie gut, wenn beide arbeiten gehen. Es ist nicht für jedes Kind ein Gewinn, ganztags in Betreuungseinrichtungen zu sein und es ist nicht für jedes Kind schön, nur daheim zu sein. Manche Eltern schaffen es, trotz Vollzeitjob noch ein wunderbares, schönes, warmes Zuhause zu schaffen, in dem jedes Familienmitglied genügend Aufmerksamkeit und Wertschätzung erhält – andere Eltern geraten selbst bei einer 10-Stunden Woche ins Straucheln. Manche Familien profitieren davon, wenn sie eine gut durchorganisierte Wochenplanung haben, andere brauchen Freiräume und Chaos.

Manche Familien bestehen aus Vater, Mutter und eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben…Kindern. Manche nur aus Mama und Kind oder aus Papa und Kind oder aus Papas und Kindern oder aus Mamas und Kindern oder aus Mamas mit neuen Papas und anderen Mamas oder haben Omas im Haus oder Opas und die helfen – oder die gepflegt werden müssen.

Für all diese Menschen gibt es nur einen Weg – und zwar ihren Individuellen!

Wir brauchen viel Zeit um Wärme zu erzeugen und um ein Zuhause zu machen. In Hektik funktioniere ich nicht. Wir brauchen viel Freiheit, um uns wohl zu fühlen, zu viele Termine engen uns ein und schnüren uns die Luft ab – das ist bei uns Eltern so und bei den Kindern auch. Wir brauchen Spontanität und Lücken im Alltag, um gute Kinder, Eltern, Partner, Enkel, Nichten, Neffen, Cousinen, Cousins oder Freunde zu sein. Wir brauchen ein Leben, dass es zulässt, dass der Frühstücksbesuch spontan bis zum Abendessen bleibt, um glücklich zu sein.

Ich brauche kreative Freiräume, um gut arbeiten zu können. Enge Deadlines und starre Vorgaben sorgen nicht dafür, dass ich zu Höchstformen auflaufe, sondern dafür, dass ich den Kopf in den Sand stecke. Eine nicht enden wollende to-do Liste spornt mich nicht an, sondern versetzt mich in Angststarre.

Um die Verantwortung für unser Leben zu übernehmen, muss ich agieren können, nicht nur reagieren.

Ich möchte in meinem Film wieder die Hauptrolle spielen und beim großen Regisseur zumindest die Regieassistenz übernehmen.

Es wird sich einiges ändern, neue Themen werden sich in meinem Leben auftun, neue Gedanken, die ich mit der Welt teilen möchte. Eine Unvereinbarkeitsdebatte möchte ich weiterhin führen und dafür kämpfen, dass der eine Weg für alle möglich wird – was einfach bedeutet, dass jede Familie ihr individuelles Leben führen kann. Ich freue mich weiterhin auf eure Gastbeiträge, erzählt mir bitte weiterhin eure Geschichten, jede einzelne ist so besonders, so speziell und so inspirierend.

Aber ich wäre nicht ich, wenn ich nicht auch meinen zukünftigen Weg mit der Welt teilen würde und so arbeite ich zumindest in Gedanken schon wieder an einer weiteren Blogprojekt. Lasst euch überraschen und bleibt mir treu.

[Gastbeitrag] Die Herausforderung der Vereinbarkeit von Beruf und Familie aus Sicht einer bindungsorientierten Elternschaft.

Heute kommt ein Gastbeitrag von Anne. Anne ist 32 Jahre alt, Sozialpädagogin und Mutter von zwei leiblichen und derzeit noch einem Pflegekind.

Unser erstes Kind bekamen wir bewusst zum Ende meines Studiums, so konnte mein Mann weiter in seinem Beruf als Informatiker arbeiten und ich konnte meine letzten Arbeiten sowie meine Diplomarbeit von Zuhause aus schreiben und unser Baby betreuen. Wenn ich in die Uni musste, begleitete unser Sohn mich im Tragetuch. Vor allem die Diplomphase war schwer. So schwer, dass ich davon geträumt habe, für völlig banale Dinge und Grundbedürfnisse Zeit zu haben, ohne ein schlechtes Gewissen haben zu müssen.

Unser Sohn muss meine Anspannung gespürt haben und ist gefühlt immer aufgewacht, sobald ich mich wieder eingelesen hatte und gute Gedanken verschriftlichen wollte. Wir waren zu dem Zeitpunkt noch sehr “eins”. Er wurde noch fast voll gestillt, schlief im Familienbett und wurde komplett bedürfnisorientiert behandelt. Er brauchte sehr viel Nähe von mir und lies sich gerade bei Hunger und Müdigkeit nur von mir beruhigen. Auch abgepumpte Milch trank er nicht. Ihn keinen Schlafprogrammen oder ähnlichem auszusetzen, war für uns selbstverständlich. Auch erschien es uns perfekt ihm möglichst viel Nähe und immer sofortige Bedürfnisbefriedigung zu geben. Auch heute sehen wir dies noch so, aber natürlich machte es die Diplomphase schwierig.  Ich arbeitete immer sobald er geschlafen hat. Mittags, abends, nachts. Über Wochen hat er schlecht geschlafen. In der Endphaseging mein Mann morgens gegen halb 6 aus dem Haus um nachmittags zurück sein zu können, um unseren Sohn Zuhause zu betreuen, sodass ich am Schreibtisch arbeiten konnte. Glücklicherweise war sein Arbeitgeber flexibel genug um dieses Modell für ein paar Wochen mitzumachen. Als die Arbeit endlich abgegeben war, schliefen wir alle wieder normal und fuhren im “Vatermonat der Elternzeit” nach Südfrankreich. 4 Wochen Sonne, Strand und unsere kleine Familie. Die nächsten 1,5 Jahre blieb ich mit unserem Sohn zuhause. Unsere Haushaltskasse besserte ich kurzzeitig als Tagesmutter auf.

Wir entschieden uns dafür, dass unser Sohn “nur” halbtags in eine Kita gehen soll. Nach einer Eingewöhnungsphase ging er mit 3,5 Jahren in eine teiloffene Kita in unserem neuen Wohnort. Nun war ich also “frei” um mich beruflich zu orientieren. Grade im sozialen Bereich wird aber eine hohe Flexibilität voraus gesetzt. Wenn wir also weiterhin wollten, dass J. um 12 Uhr nach Hause kommt, brauchten wir eine andere Idee, das wurde schnell klar. Genau zu dem Zeitpunkt suchte unsere Gemeinde Integrationskräfte mit 15 Wochenstunden für die 6 örtlichen Kitas. Zwar wird dies meist von Erziehern übernommen und deshalb auch nur so bezahlt, aber dennoch erschien es uns als guter Anfang, solange unser Sohn noch so klein ist.

Mein Arbeitsbeginn war zu einer schweren Zeit, die ehemalige Leiterin der Einrichtung fiel aus, die Stimmung war explosiv, viele wurden nacheinander krank und dementsprechende Arbeitsstunden mussten aufgefangen werden. Dazu kam die Schwierigkeit für mich, meine Vorstellungen sowohl als Mutter als auch als diplomierte Sozialpädagogin oft hinten anzustellen und von meinen Wertvorstellungen abweichen zu müssen. Habe ich bis dahin eher in Kleingruppen, wie in der Schule oder im Mutter-Kind-Heim gearbeitet, so musste ich nun gefühlte Massenabfertigung betreiben und konnte nicht immer jedes Kind individuell nach seinen Vorlieben, Stärken und Schwächen, mit reinstem Respekt und Geduld begegnen. Mit der Zeit fanden wir im Team aber gut zusammen, jeder konnte nach seinen Stärken arbeiten, eine neue Leitung kam und die Zeit der extremen Überstunden endete. Die Stelle war nun gut vereinbar. Einmal wöchentlich betreute meine Mutter unseren Sohn am Nachmittag, so dass ich an Dienstbesprechungen und Supervision teilnehmen konnte. Wenn ich für kranke Kollegen einspringen musste, waren meine Kollegen tolerant genug um zu akzeptieren, dass ich meinen Sohn hin und wieder mitbringen musste.

Die Stelle war ein guter Einstieg für unsere Familie. Insgesamt war ich 3,5 Jahre dort angestellt. Unser Haus war mittlerweile fertig saniert und ich konnte meinem eigentlichen Arbeitswunsch nachgehen: Schon im Studium, bevor wir selber Kinder hatten, habe ich mich mit den familienintegrativen Hilfen (FiH) beschäftigt. Banal könnte man sagen, dass es sich dabei um professionelle Pflegefamilien handelte, die Kinder mit besonders schwierigen Lebensgeschichten und Problemen aufnehmen und sie innerfamiliär betreuen. Pro Erziehungskind, das mit im Haushalt lebt, werden 20 Wochenstunden angesetzt. Die Vorstellung 1:1 oder unter Beachtung unseres leiblichen Sohnes 1:2 arbeiten zu können, gefiel mir sehr. Völlig individuell auf die Geschichte, die Stärken und Schwächen, die Ängste und Nöte eingehen zu können und trotzdem für mein Kind da sein zu können, ein Team im Rücken zu haben, Fachberatung, Supervision und Fortbildungen zu erhalten, klang sehr verlockend. Und so kam es, dass ein 3-jähriger kleiner Wildfang bei uns einzog. Unser leiblicher Sohn war zu diesem Zeitpunkt 4,75 Jahre alt und freute sich auf “seinen kleinen Bruder”. Da R. selber schon lange in die Kita ging, und ich mich in meiner Kita wohlfühlte, beschloss ich meine Stelle vorerst zu behalten und arbeitete somit 35 Wochenstunden. Meine nette Chefin erklärte sich bereit, mir einen Tag wöchentlich frei zu geben, um zu den Teamsitzungen meiner neuen Stelle gehen zu können. Aufgrund vieler vorhandener Überstunden, die ich abbauen konnte, war dies möglich.

Wir arbeiteten also beide fast Vollzeit, bzw. mein Mann weit darüber, obwohl unser Sohn nur halbtags betreut wurde. Der gesundheitliche Zustand unseres Pflegesohnes, körperlicher aber vor allem seelischer Art, machte es schnell schwierig. Viele Arzttermine kamen am Vormittag, während meiner eigentlichen Arbeitszeit, hinzu. Viele Gesprächstermine mit verschiedensten Stellen, viel Schriftverkehr wollte erledigt werden und somit verbrachte ich die Abende bis in die Nacht damit meine Arbeit zu erledigen um mir freie Zeit für die Kinder am Tag zu schaffen. R. lebte sich ein und wir wuchsen zusammen. Seine psychischen Probleme waren weitaus gravierender als bis dahin angenommen und erforderten viel Aufmerksamkeit, die selbst bei einer Betreuung von 1:2 nicht immer leicht war. Ich jonglierte also die Bälle von zwei Arbeitsstellen, zwei Kindern mit vollem Terminkalender sowie unserem Heim und fand diesen Spagat wahnsinnig anstrengend. Mit der Zeit wurde der Schriftverkehr weniger, die Arzttermine waren geschafft und alle Beteiligten erkannten, dass R. überfordert war, mit seinem eigenen zu bewältigten Spagat zwischen seinen Bedürfnissen und denen seiner leiblichen Familie und gönnten ihm mehr Zeit für sich. Dies brachte Ruhe in ihn und somit in unsere Familie.

Nach einigen Monaten wurde ich überraschend schnell schwanger und bekam ein sofortiges Arbeitsverbot für meinen Kitajob erteilt. Dieses fand ich völlig unnötig und übertrieben, aber es lag leider nicht in meiner Macht diese Entscheidung zu beeinflussen. Mir tat es sehr leid für meine Kollegen, die nun meine Stunden auffangen mussten, bis sich eine Vertretung fand. Auch vermisste ich sie und meine Arbeit dort sehr.

Der einzige Vorteil war, dass es unsere Familie sehr entlastete, auch R. die Möglichkeit bot mehr zuhause zu sein und sich hier und an uns zu binden. Der wirklich stressigste Teil meiner Arbeit blieb mir aber natürlich auch im Beschäftigungsverbot, im Wochenbett und in der Elternzeit nicht erspart und stellte eine große Herausforderung für mich und unsere ganze Familie dar. Auch war unsere Tochter ein bedürfnisstarkes Baby, das mich intensiv brauchte und noch braucht. Meine Stelle in der Kita war befristet und endete leider in der Elternzeit. Meine Arbeit in den familienintegrativen Hilfen endet in Kürze. Unser Pflegesohn wird nun, mit 6-Jahren, zu seiner leiblichen Mutter ziehen, die ihre Probleme im Griff hat und Großes geleistet hat und nun bereit ist, ihren Sohn selber zu betreuen. An dieser Stelle muss es mir gelingen mein Mutterherz auszuschalten, und R. rein auf professioneller Ebene zu begleiten, zu halten, zu stärken und zu übergeben. Wenn all das geschafft ist, dürfen wir zusammen brechen, trauern und hoffentlich gestärkt wieder raus gehen und überlegen wie unser Weg als nur noch 4-köpfige Familie und mein Weg als Sozialpädagogin weiter geht und wie beides wieder vereinbar sein kann. Die Arbeit in den familienintegrativen Hilfen war zwar gut vereinbar mit unseren eigenen Kindern, verlangte genau diesen und uns als Familie aber auch sehr viel ab.

 

Rückblickend betrachtet, war ich also nie nur Arbeitnehmer oder leider nie “nur” Mutter oder richtig in Elternzeit, sondern bin  immer mehrgleisig gefahren:

Studium + Baby

Integrationskraft + FiH (+ eigenes Kind)

FiH + Baby + eigenes Kind

Es war also immer irgendwie möglich Familie und Beruf zu vereinen, mit Kompromissen und oft stressigen Phasen. Dennoch wünsche ich mir, sollten wir jemals noch ein weiteres Kind bekommen, das klassische Arbeitsmodell vom Vollzeit arbeiteten Mann und der Frau die dann vorrübergehend Vollzeit die Kinder betreut. Ein noch größerer Traum wäre es natürlich, wenn wir beide ein Jahr gleichzeitig in Elternzeit gehen könnten. Dies wird zwar wohl ein Traum bleiben, aber träumen ist ja bekanntlich erlaubt.

Kinder in die Mitte #muttertagswunsch

Gestern war Muttertag – und ich mag ihn. Ich mag ihn, weil ich es als Kind immer unglaublich aufregend fand, meiner Mutter eine Freude zu machen. Das heimliche Basteln, das Lernen von Gedichten in der Schule und die Planung des Frühstücks zusammen mit meinem Vater haben mich Jahr für Jahr total begeistert. Jetzt, da ich selbst Mutter bin, genieße ich es, dieselbe Aufregung und Vorfreude bei meinen Kindern wahrzunehmen und natürlich bringe ich auch meiner eigenen Mama noch immer Blumen vorbei und freue mich, dass wir den Tag nun gemeinsam feiern können.

Trotz all dieser Freude habe ich jedoch Sympathie für eine Aktion, die den diesjährigen Muttertag im Netz begleitet hat. Das Hashtag #muttertagswunsch hat es nämlich sogar in die überregionale Presse geschafft. Dahinter verbergen sich Forderungen von Müttern an die Politik, die viele Bloggerinnen in den letzten Tagen in 140 getwitterte Zeichen oder längere Blogbeiträge gepackt haben.

Ich brauche nix Gebasteltes. Ich brauche Rentenpunkte, weil mich keiner mehr fest einstellt.

twitterte zum Beispiel die Bloggerin Christine Finke von Mama-arbeitet.

Ich brauche kein Frühstück ans Bett, ich brauche Steuerklasse 3

schrieb eine andere alleinerziehende Mutter und wies damit auf die ungerechte Behandlung von Single-Eltern im deutschen Steuersystem hin.

Es gab unzählige Tweeds, die aufzeigten, was für Mütter in unserem Land so alles schief läuft und diese kamen aus allen politischen Lagern. Während sich die einen mehr Kita-Plätze wünschen, hätten die anderen gern wieder ein Erziehungsgeld, um länger mit ihren Kindern zu Hause bleiben zu können. Auch die Wertschätzung von Familienarbeit war ein großes Thema, genau wie die Situation der Hebammen.

Ich habe auch mitgemacht. Meine Forderungen richten sich aber weniger an die Politik, als an die Gesellschaft als Ganzes.

Ich brauche keinen Muttertag, sondern eine mütter-,väter- und kinderfreundliche Gesellschaft.

oder

Anders gesagt, ich will eine Gesellschaft, die sich an Kindern freut, statt sie auszulagern.

Wir haben mittlerweile viele Strukturen geschaffen, in denen Kinder und manchmal auch deren Eltern sich aufhalten können. Nie hatte Kindheit so viel Raum in unserer Gesellschaft, wie derzeit. Viele dieser Räume, die für Kinder geschaffen wurden, sind gut. Sie erleichtern uns Eltern den Alltag und machen Kindern Freude. Problematisch werden all diese künstliche geschaffenen Räume aber, wenn Kinder nur noch darin Platz finden. Kinderabteile im Zug, Kinderspielzonen in Möbelhäusern, Kindergottesdienste in Kirchen oder Kinderbetreuung am Rande großer Events schaffen nämlich neue Selbstverständlichkeiten. Die Nutzung solcher Angebote wird von einer Option zur Pflicht. Eltern, die sie nicht nutzen, werden schräg angeschaut, angefeindet oder gar von Veranstaltungen ausgeschlossen. Kinderlärm im Zug scheint mittlerweile nicht mehr zumutbar zu sein und ein kindlicher Wutanfall im Supermarkt führte kürzlich sogar zum Rauswurf von Mutter und Kind.

Dass Eltern, wenn sie sich mit ihren Kindern im öffentlichen Raum bewegen, der Pflicht der Rücksichtnahme unterliegen, möchte ich mit diesem Beitrag nicht in Frage stellen. Selbstverständlich haben Kinder im öffentlichen Raum keinen Freifahrtschein und es liegt in der Verantwortung der Eltern, dafür zu sorgen, dass neben ihnen auch andere Spaß an Veranstaltungen haben können. Allerdings können wir Erwachsen auch nicht erwarten, dass Kinder sich wie kleine Kopien von uns verhalten. Sie sind Kinder. Sie sitzen nicht permanent still, sie sind nicht immer leise, wenn es vielleicht angemessen wäre und sie sind alles andere als unsichtbar, wenn sie dabei sind. Gleiches galt aber auch für den jungen Geschäftsmann, der mir kürzlich im Zug gegenüber saß. Als Stütze dieser Gesellschaft war er von Kassel bis Wolfsburg durchgehend wichtig. Sein Handy klingelte permanent und die restlichen Mitfahrer lernten auf dieser Fahrt viel über die Organisation der IAA und über die Probleme, die seine Abteilung derzeit mit den Diensthandys hat. Auch über die Körpermaße der neuen Praktikantin wissen wir nun  Bescheid. Wenn man sich ins Handyabteil des Zuges setzt, dann muss man damit leben und so kam auch keiner auf die Idee, den Leistungsträger dieser Gesellschaft um einen etwas angemesseneren Lautstärkepegel zu bitten.

Die junge Frau, die kürzlich mit drei zukünftigen Rentenzahlern an der Kassel des Möbelhaus-Restauruant stand, hatte da weniger Glück. Die Langsamkeit ihrer Kinder, die doch tatsächlich eine halbe Minute überlegten, ob sie lieber Wasser oder Saft hätten, brachte den Geduldsfaden der Dame dahinter zum Reißen. Warum sie hier stehen müsse und die Leute nerven, fragte sie die Mutter, man könne doch schließlich mit so vielen Kindern auch daheim essen. Die Kassiererin der angeblich so familienfreundlichen Kette sprang der Mutter nicht bei – wahrscheinlich ging es ihr auch zu langsam. Ich bin mir sicher, mein fliegender Autohändler aus Wolfsburg hätte sogar noch jemanden gefunden, der ihm sein Tablett zum Tisch trägt, wenn dieser in der Zeit noch schnell hätte einen Abgaswert durchfunken müssen.

Ich finde, es ist an der Zeit den Begriff Kinderfreundlichkeit noch einmal zu überdenken. Sind das wirklich die künstlichen Strukturen, die wir schaffen, um Kinder vom eigentlichen gesellschaftlichen Geschehen fern zu halten? Wäre nicht eine Gesellschaft kinderfreundlicher, die noch an Lärm, Langsamkeit und Bewegung gewöhnt ist, anstatt sofort total irritiert zu sein, wenn ein Kind irgendwo mitmischen will?

Endlich mal ein bisschen Leben hier, sagte kürzlich eine ältere Dame zu mir, nachdem meine achtzehn Monate alte Tochter während einer katholischen Messe ohne Unterlass durch die Gänge gelaufen war. Toll, dachte ich. Es gibt tatsächlich noch Menschen, die sich an Kindern freuen, statt sich gestört zu fühlen.

Ich möchte nicht falsch verstanden werden: ich bin dankbar über den Kindergottedienst in meiner evangelischen Kirchengemeinde, ich habe schon öfter gern das Eltern-Kind Abteil im Zug genutzt und meine Kinder lieben das Spielangebot in der besagten Möbelhauskette. Ich bin froh, dass es irgendwann Menschen gegeben hat, die sich all diese tollen Möglichkeiten ausgedacht haben. Wenn das aber irgendwann dazu führt, dass wir die gesellschaftliche Mitte komplett zur kinderfreien Zone machen und den Erwachsenen das Leben, das Kinder mit sich bringen, abgewöhnen, dann haben wir das Gegenteil von dem erreicht, was einst als Gedanke dahinter stand. Für Kinder geschaffene Strukturen sollten in erster Linie ein freundliches Angebot an diese und ihre Eltern sein und keine Zwangsräume, um den Rest der Gesellschaft vor ihnen zu schützen.

Ich wünsche mir eine Gesellschaft, die Kinder wertschätzt, achtet, annimmt und bei sich hat, statt sie zwangskonform machen zu wollen, ruhig zu stellen oder auszulagern. #muttertagswunsch

[Gastbeitrag] Von Korsetts und Wahlfreiheit

 

Und heute gibt es noch einen Gastbeitrag. Er stammt von Veronika und alles andere erzählt sie selbst:

 

Zu mir: Ich heiße Veronika Smoor, bin 41 Jahre alt und blogge seit vielen Jahren auf Die Smoorbaers. Die meiste Zeit bin ich daheim mit meinen zwei Mädchen, die mittlerweile 5 und 7 sind. Hm, ich dachte, je älter die Kinder werden, desto weniger brauchen sie mich. Da hab ich mich schwer getäuscht. Ich versuche also meine freischaffenden Tätigkeiten als Fotografin und Autorin mit Haushalt und Kindern unter einen Hut zu bekommen….

Letztens erhielt ich eine Email von einer Freundin aus dem tiefen Süden Deutschlands. Sie wohnt mit ihrem Mann und zwei kleinen Kindern in einer Stadt, die für ihre Innovationsfreude und „Hippiekultur“ bekannt ist. Ich freu mich immer, wenn sie mir schreibt, einfach weil sie ein toller Mensch ist. Sie hat sich entschieden, bei ihren Kindern zu bleiben, bis sie in den Kindergarten kommen.

Ihre Email schrie „Ich komme mir vor wie ein Alien!!! HILFE!!!“

Meine Freundin schrieb sich ihren ganzen Frust von der Seele. Sie ist die einzige Mutter in ihrem Umfeld, die noch daheim ist. Alle anderen sind nach wenigen Monaten an ihren Arbeitsplatz zurückgekehrt. Deren Kinder sind bis 16 Uhr in der Kita, Treffen auf dem Kinderspielplatz finden nicht mehr statt. Dort hockt meine Freundin dann alleine mit ihren Kids. Sie hat den Eindruck, viele Mütter haben sich einem gesellschaftlichen Druck gebeugt. Sie würden nicht in erster Linie aus Geldsorgen so früh wieder einsteigen, sondern weil man das halt jetzt so mache.

„Ich werde schräg angeschaut, weil ich daheim bei meinen Kindern bin.“ So lautete ihr Schluss-Satz.

Da weht uns Müttern ein Wind ins Gesicht, der einen einknicken lässt, wenn man sich ihm nicht fest entgegen stellt. Und ich spreche jetzt von den Müttern, die sich bewusst dafür entscheiden, daheim zu bleiben. Ich möchte mich gar nicht auf eine Pro- und Contra-Debatte einlassen. Es geht mir um Wahlfreiheit und Respekt vor der Wahl jeder Frau.

Wenn wir Frauen es nicht schaffen, zu dem zu stehen, wer wir sind und was wir in der tiefsten Tiefe unseres Herzens wollen, dann schaffen wir uns freiwillig ein Korsett, das uns ersticken und klein machen wird.

Schon während meiner ersten Schwangerschaft hatte ich mich entschieden daheim zu bleiben. Die Entscheidung war einfach, weil mich mein Job überhaupt nicht erfüllte. Mein Büro habe ich mit einem Freudenjuchzer gegen Wickeltisch, Stilleinlagen und viele (auch oft strunzlangweilige) Spielplatzstunden eingetauscht. Ich war plötzlich mein eigener Boss. Nun tja, nicht ganz. Eigentlich gaben meine Kinder den Tages-Rhythmus vor. Aber ich dachte immer nur: „Was habe ich für ein Glück, dass ich nun nicht für eine anonyme Firma arbeiten muss, sondern meine Arbeitskraft ganz in die Entwicklung meiner Kinder investieren kann!“ Während dieser Zeit stolperte ich des Öfteren über den englischen Begriff „Homemaker“. So bezeichnen sich Hausfrauen in den USA. Was für ein wunderbares Wort, das genau den Kern der Sache trifft! Ich begann mich heimlich als Homemaker zu bezeichnen: ein Heim schaffen, einen Hafen aus Geborgenheit, regelmäßigen Mahlzeiten, kreativen Stunden, Büchern, Musik, schönen Dingen und Pizza-Abenden.

Nebenbei – wie die Zeit es mir erlaubte- machte ich mich als Fotografin selbständig. Wenn ich nicht fotografierte, schrieb ich. Aufträge flatterten nach und nach ins Haus. Eine Kolumne hier, ein Buchprojekt da. Ich bin mein eigener Boss und kann mir meine Zeit frei einteilen, auch wenn das schon so manche Nachtschicht bedeutete. Sobald ich mich aber als „Homemaker“ stark einschränken muss, schreie ich STOPP! Dann nehme ich keine weiteren Aufträge an.

Was werden wir eines Tages in unserer Sterbestunde bereuen? Dass wir nicht genug Zeit in unsere Karriere investiert haben oder in die Menschen, die wir lieben? Werden wir uns selbst auf die Schulter klopfen, dass wir uns gesellschaftlichen Erwartungen gebeugt haben? Oder wollen wir uns stolz fühlen, dass wir unseren ureigenen Pfad gegangen sind?

Vor 100 Jahren haben Frauen sich vom Korsett befreit. Sie haben das Frauenwahlrecht erkämpft. Und nun wollen wir uns unser Wahlrecht wieder rauben lassen und uns in ein Korsett pressen lassen?

Als ich zur Welt kam, war Stillen gesellschaftlich verpönt. Milchpulver und Fläschchen waren en vogue. Meine Mutter hat alle ihre sechs Kinder eisern gestillt. Sie hat ihr eigenes Dinge gemacht, ist ihrem Herzen gefolgt, trotz eisigem Gegenwind. Als meine kleine Schwester mit einer lebensbedrohlichen Krankheit eine Woche im Krankenhaus bleiben musste, kam meine Mutter jeden Tag zum Stillen vorbei. Die Krankenschwestern belächelten sie und versuchten ihr, diese VÖLLIG VERRÜCKTEN Flausen auszutreiben. Aber sie blieb stur. Kopfschüttelnd wiesen die Schwestern ihr zum Stillen eine kalte Putzkammer zu.  Sie zeigten keinerlei Respekt für die Wahl meiner Mutter.

Die Zeiten und Moden werden sich immer ändern. Egal ob Korsetts, Stillen, früher Wiedereinstieg. Aber die Frage ist, ob wir Mütter den Zeiten blind folgen wollen. Oder ob wir unserem Herz, unserem ureigenen Instinkt vertrauen. Das kann für jede Mutter anders aussehen.

Ich wünsche mir so sehr, dass wir Frauen aufhören, uns gegenseitig in die Pfanne zu hauen. Sondern dass wir Respekt zeigen. Mit Respekt machen wir unser Gegenüber groß und setzen es frei. Frei zu wählen, frei aufrecht zu stehen, frei zu stillen, frei Fläschchen zu geben, frei zu arbeiten, frei daheim zu bleiben.

 

 

April – oder ein Protokoll des Scheiterns

Melanie von glücklich scheitern hat gefragt, ob wir im April an irgendetwas gescheitert sind und ich musste lachen. Es hätte besser in 140 getwitterte Zeichen gepasst, aufzuschreiben, woran ich diesen Monat nicht gescheitert bin. Raus damit, was war los, fragte die Bloggerkollegin – lasst uns scheitern salonfähig machen. Na dann mal los.

Meine beste Freundin und ich haben mittlerweile eine einfache Sprache gefunden, wenn es darum geht uns mitzuteilen, dass es gerade nicht so läuft. Nachdem wir irgendwann feststellten, dass Tage, die nicht unsere sind, sich häufig aneinanderreihen, wurde aus heute ist nicht mein Tages ist wieder Woche. Naja – und im April war Monat!

Ich weiß gar nicht mehr, wann es begann. Irgendwann, kurz nachdem die letzten Taschen unseres Großfamilienurlaubs auf Texel ausgepackt waren, die letzte Wäsche gewaschen und die letzte Urlaubsentspannung dem Alltagsstress gewichen war, diagnostizierte ich mir selbst eine extrem schlechte Laune. Der schlechten Laune folgte ein bakterieller Infekt, der wiederum dazu führte, dass ich einen lange geplanten Mädelsabend, für den ich unglaublich tolles Essen beisteuern wollte, absagen musste. Kaum genesen, fand ich mich in einem Strudel aus Alltagsverpflichtungen, Terminen und großen und kleinen Dramen wieder. Statt souverän durch die kleinen Aprilstürme zu segeln, scheiterte ich fröhlich (oder ehrlich gesagt ziemlich schlecht gelaunt) vor mich hin.

Ich scheiterte daran, meinen Erstklässler im Übergang von Ferien zu wieder Schule anständig zu begleiten. Ich scheiterte daran, ihn zu Hausaufgaben zu motivieren und ihm gut zuzureden. Ich scheiterte daran, meine Mittlere so zu nehmen, wie sie ist (im Moment ziemlich anspruchsvoll). Ich scheiterte jeden Morgen und jeden Abend an ihren Launen und meinen eigenen. Ich scheiterte an dem Anspruch, nett und freundlich mit ihr zu reden, respektvoll mit ihr und ihren (gerade ziemlich starken) Bedürfnissen umzugehen und in unserem Verhältnis auf Beziehung statt auf Drohungen und Konsequenzen zu setzen. Ich scheiterte daran, mich auf den Alltag mit Kleinkind einzulassen und zu akzeptieren, dass ich nicht so frei bin, wie ich es gerade gerne wäre.

Ich scheiterte an unserem Haushalt und an dem Anspruch, täglich eine einigermaßen ordentliche und saubere Wohnung zu haben. Ich scheiterte daran, die Kinder zur Ordnung in ihren Zimmern anzuhalten. Ich scheiterte daran, meine eigenen Sachen auszusortieren. Ich scheiterte daran, die Wäsche halbwegs zeitig zu sortieren.

Ich scheiterte daran, meine Unterlagen im Blick zu haben, meine Post zu lesen, auch die Langweilige und rechtzeitig diverse Formulare für diverse Ämter auszufüllen.

Ich scheiterte daran, eine gute Freundin zu sein, die da ist, wenn man sie braucht, die zuhört und ihre eigenen Probleme an die Seite packt und am Schicksal der anderen Anteil nimmt. Ich scheiterte daran, meinen straffen Alltag einfach mal fünf Minuten zu unterbrechen, mich ins Auto zu setzen, in den anderen Ortsteil zu fahren und ein Blümchen zu jemandem zu bringen, der es verdient hätte. Stattdessen pampte ich mich verständnislos durch WhatsApp und baute Mauern auf, wo eigentlich Nähe sein sollte.

Ich scheiterte daran, eine gute Enkelin zu sein und rief meine Oma im April nicht einmal an, obwohl ich ihr versprochen hatte, sie mindestens einmal abzuholen und den Tag mit ihr zu verbringen.

Ich scheiterte daran, meinem Mann eine gute Partnerin zu sein. Statt für ihn da zu sein, als es ihm schlecht ging, vergrub ich mich in Selbstmitleid und war total gut darin, ihm ein schlechtes Gewissen einzureden.

Ich scheiterte am Bloggen und mein einziger selbst geschriebener Beitrag war somit der Liebster Award.

Ich scheiterte daran, eine gute Christin zu sein, ich scheiterte daran, Nächstenliebe, Toleranz und Vergebung zu üben. Ich scheiterte daran, Jesus den Raum in meinem Leben zu geben, den er verdient hätte und merkte dabei nicht mal, dass genau das vielleicht mein persönlicher Ausweg aus diesem Dilemma gewesen wäre.

Apropos Vergebung. Scheitern für Außenstehende salonfähig zu machen ist total nett, weil es diesem Perfektionismuswahn etwas entgegensetzt, der uns gerade alle irgendwie gepackt hat. Scheitern für sich selbst salonfähig zu machen, ist aber noch viel wichtiger. Ich glaube, wir können uns nicht in Unperfektionismus üben oder zumindest nur sehr begrenzt, denn wir werden immer nach mehr streben, als wir gerade problemlos leisten können und das hat ja auch oft Sinn. Aber wir könnten uns darin üben, uns selbst mehr zu vergeben. Statt Wochen und Monate zu Protokollen des Scheiterns zu machen, könnten wir jeden Abend alles verzeihen, was nicht nach unseren Erwartungen lief und jeden Morgen neu anfangen.

Über das Scheitern sprechen, finde ich wichtig – denn gerade wir Mütter laufen sonst Gefahr, in einen gefährlichen Strudel aus fremden, aber vor allen Dingen eigenen Erwartungen zu geraten. Sich mehr auf das zu fokussieren, was funktioniert hat, ist aber noch wichtiger.

Für manche war ich im letzten Monat eine schlechte Freundin – aber für anderen auch eine ganz große Stütze in einer schwierigen Lage. Meine Unterlagen fliegen noch immer kreuz und quer, aber immerhin habe ich eine Idee, wie ich es zukünftig besser mache. Als mein Mann krank war (es war übrigens nur Männerschnupfen), war ich extrem verständniseingeschränkt, aber an anderen Stellen habe ich ihn diesen Monat ziemlich gut entlastet. Für den Blog habe ich tolle Gastautorinnen an Land gezogen, auf die ich echt stolz bin und zwischen Texel-Gepäck und Infekt hab ich noch einen Kindergeburtstag inklusive Schatzsuche gewuppt. Unser Haushalt wird nie so sein, wie er vielleicht bei manch anderer ist – aber hey, wir fühlen uns wohl und Besuchskinder dürfen sich bei uns richtig austoben. Letzteres haben sie im vergangenen Monat ziemlich häufig getan und ich habe alle lebendig und unversehrt wieder zu ihren Eltern zurück gegeben können (manchmal ist allein das doch eine Leistung).

Und meine eigenen Kinder – tja, ich war sicher oft nicht die verständnisvolle Mutter, die ich gern gewesen wäre – aber in einer Sache bin ich gut – darin mich zu entschuldigen. Ich hoffe einfach, dass ich ihnen allein durch das Eingestehen von Fehlverhalten im letzten Monat ein Vorbild war. Was alles andere angeht, sind wir sowieso frühestens in 20 Jahren schlauer. Außerdem sind sie satt, sauber, immer pünktlich dort, wo sie gerade sein müssen und sie stehen sicher gehalten und getragen im Leben.

Ihre Kinder sind sehr gut in der Schule angekommen, sagte uns die Lehrerin des Erstklässlers gestern, ich habe mit dieser Klasse keinen nennenswerten Probleme und ich glaube, beendete sie diesen Elternabend, das ist auch Ihr Verdienst, Sie alle, wie Sie hier sitzen, sind großartige Eltern.

Na also, dachte ich, so schlimm kann es ja dann doch nicht gewesen sein.