#keinjobmitkind oder warum es jetzt sein muss

Ich liebäugele seit längerer Zeit damit, zu familienpolitischen Fragen nicht nur auf Facebook, Twitter oder als Kommentatorin auf anderen Blogs Stellung zu nehmen, sondern mich selbst, mit einem eigenen Blog in die Debatte einzumischen. Bisher habe ich mich immer gescheut, denn immerhin habe ich selbst drei kleine Kinder, von deinen eines noch ein Baby ist, ab Juni wieder einen 20-Stunden Job und irgendwo in den Tiefen des Netzes betreibe ich auch noch einen kleinen, privaten Blog, auf dem ich von Zeit zu Zeit Dinge aus meinem Alltag verwurste. Sollte ich mir da tatsächlich noch einen ans Bein binden? Eigentlich ist es kaum möglich, diesen hier so regelmäßig und gehaltvoll zu füllen, wie ich das gern würde. Dennoch muss es sein. Es ist ein bisschen wie mit den berühmten Worten, die Martin Luther in den Mund gelegt wurden (die er selbst höchstwahrscheinlich aber nie so gesagt hat): Ich stehe hier und kann nicht anders.

Nein, ich kann und will nicht länger zu einem Thema schweigen, dass mich seit Jahren bewegt, wie kein anderes. Ich will mich zu diesem Thema nicht länger mit einer Nebendarstellerinnenrolle als Kommentatorin bei Facebook begnügen. Ich will meine Gedanken auch nicht länger nur in 140 Twitterzeichen verpacken – ich will sie ausformulieren, ich will sie mit der Welt teilen – ich will mit Menschen darüber ins Gespräch kommen.

Am liebsten will ich noch viel mehr auf diesem Blog – ich möchte das tun, was meiner Meinung nach in den bisherigen familienpolitischen Diskussionen zu wenig getan wird – ich möchte hinschauen. Ich möchte wirklich hinschauen und zwar dorthin, wo Familie in Deutschland gelebt wird. Dorthin, wo das stattfindet, über das alle diskutieren. Dorthin, wo Eltern versuchen zu vereinbaren oder das eben bewusst nicht tun. Dorthin, wo verschiedenste Lebensmodelle längst Realität sind, dorthin, wo die Menschen leben, über die wir sprechen. Ich möchte sie alle sehen – die Alleinerziehenden, die traditionellen Familien, die in der Betreuungsgelddebatte so oft gescholtenen Migrantenfamilien, die Doppelkarrierepaare und die ganz, ganz vielen Menschen mit Kindern da draußen, die es irgendwie ganz anders machen, als wir es auf dem Schirm haben. Ich möchte hinhören – ich möchte hören, was sie wollen, ohne sie abzuwerten. Ich möchte hören, welche Probleme sie haben, welche Hürden sie meistern, aber auch welche Potentiale sie aus ihrem Alltag ziehen. Ich möchte hören, wie viel Glück sie trotz allem empfinden, was ihnen Freude macht, aber auch was sie traurig macht. Ich möchte denen eine Stimme geben, die sich beleidigt fühlen, wenn das Betreuungsgeld “Herdprämie” genannt wird, aber auch denen, die sich rechtfertigen müssen, weil sie in den Augen anderer zu viel Fremdbetreuung in Anspruch nehmen.

Ich will auch dahin schauen, wo es wehtut. Dahin, wo Familie an den Rand der Gesellschaft gerät, dahin wo Kinder am Rand stehen, dahin, wo Kinder unerwünscht sind. Ich möchte den Finger in die Wunden einer noch immer sehr kinderfeindlichen Gesellschaft legen und ich bin mir sicher, dass sich da viele Themen finden werden. Allein die Frage, was eigentlich Arbeitgeber tun können oder müssen, um wirklich familienfreundlich zu sein, könnte einen eigenen Blog füllen.

Genau diese Arbeitgeber sind übrigens der Grund, warum mir genau heute der Kragen endgültig geplatzt ist – warum ich losgelegt habe mit dem Schreiben. Unter dem Hashtag #keinjobmitkind berichten Frauen in sozialen Netzwerken darüber, wie sie vom Arbeitsmarkt ausgeschlossen werden, weil sie als Risiko gelten, weil sie der Meinung ihrer Arbeitgeber nach zu lange draußen waren, weil sie eine zu schlechte Betreuungsinfrastruktur haben oder weil sie (und das ist leider ein trauriger O-Ton, der nur klingt wie Realsatire) zu viele Krankheitserreger einschleppen könnten. Das ist bitter – und leider symptomatisch für deutsches Denken. Kinder sind zuallererst einmal ein Risiko und eine Belastung. Die wenigsten Arbeitgeber (oder Kollegen) machen sich die Mühe, einmal etwas kreativer an die Vereinbarkeitsfrage ranzugehen. Manche Lösungen wären so einfach, dass sie eigentlich auf der Hand liegen müssten: Ein altes Zweisitzer Sofa zum Beispiel, das in irgendeiner verstaubten Büroecke zwei hässliche Zimmerpalmen ablösen und notfalls als Lager für ein erkranktes Kind dienen könnte. Etwas komplexer, aber durchaus machbar wäre es auch, sich als Firma mit einer Initiative wie den Hamburger Notfallmamas zu vernetzen, um so die Vereinbarkeitsprobleme der Eltern ein wenig abzufedern. Ein bisschen guten Willen benötigt der Ansatz, die eigenen verstaubten Gehirnwindungen ein wenig auf Trapp zu bringen und sich die Frage zu stellen, ob die im Betrieb anfallende Arbeit denn wirklich am Dienstag von 9 bis 17 Uhr am Büroschreibtisch erledigt werden muss oder genauso gut um 20.30 Uhr am heimischen Küchentisch vom Laptop aus getätigt werden kann. Diese Frage sollten sich übrigens viele Arbeitgeber stellen – nicht nur die, die gern familienfreundlich wären. Ein starres Festhalten an unserer Präsenzkultur passt nämlich so gar nicht zu unserer Arbeitswelt 4.0 und zu den Werten der Generation, die dort nun so langsam aber sicher das Ruder übernehmen möchte.

Wie Sie sehen, will ich viel mit diesem Blog. Zuviel selbstverständlich. Nein, ich werde nicht alles erfüllen können, was ich hier versprochen habe. Nein, ich werde auch mal scheitern. Ich werde Themenbereiche vernachlässigen, in den Augen mancher die falschen Fragen stellen oder die falschen Antworten geben. Ich werde schludern, der Blog wird mal längere Zeit still stehen und ich werde mich mehr als einmal fragen, ob ich das wirklich leisten kann. Aber ich gebe mein Bestes, wann immer das Leben mich lässt. So ist das mit der Vereinbarkeit und der Unvereinbarkeit nun mal und darum soll es ja hier gehen.

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