Auch Familie ist Arbeit 4.0

Das Bundesarbeitsministerium lädt uns zum Mitdiskutieren ein. Es geht dabei um die Frage, wie die Arbeitswelt der Zukunft aussehen soll.
Gerade aus Sicht von Eltern gäbe es dazu viel zu sagen. Karriereoptionen in Teilzeit sind für uns genauso wichtig, wie eine familienfreundliche Arbeitskultur, Homeoffice und Flexibilität. Ich möchte mich heute aber mit einer anderen Frage beschäftigen, die in der Arbeitswelt 4.0 nicht außen vor gelassen werden kann – der Frage, was Arbeit überhaupt ist. Wenn wir über Arbeit diskutieren, gehen wir meistens automatisch davon aus, dass von Erwerbsarbeit die Rede ist. Gerade für Eltern sieht der klassische „Feierabend“ allerdings etwas anders aus, als bei Kinderlosen. Anstatt im Biergarten, verbringen wir ihn oft auf dem Spielplatz, beim Zahnarzt, vor der Turnhalle, auf ekelhaft harten Holzstühlen beim Elternabend oder im heimischen Wohnzimmer beim Versuch, gleichzeitig ein Baby zu stillen und mit einem Achtjährigen Mathematik zu üben. Wenn wir Glück haben und unsere Kinder schlafen verlässlich ein und durch, dann endet unsere aktive Dienstzeit gegen 20 Uhr und wir schalten in den Bereitschaftsmodus um, der für den Rest der Nacht bestehen bleibt, bis wir morgens um sechs wieder voll in der Pflicht sind: Zähneputzen, Brote schmieren, Schul- und Kindergartentaschen packen, nochmal schnell Vokabeln abfragen und aufpassen, dass alle rechtzeitig aus dem Haus kommen. Wenn wir morgens um halb neun dann endlich im Büro aufschlagen, haben wir bereits die erste Schicht hinter uns.
Ja – und natürlich machen wir das gern. Natürlich machen wir das nicht, um unser tägliches Brot damit zu verdienen, sondern wir tun es aus Liebe und ja, wir gewinnen tatsächlich eine ganze Menge dadurch, dass diese kleinen Menschen einfach in unserem Leben sind. Aber – und das darf dabei nicht vergessen werden, es ist auch Arbeit. Es ist ein Knochenjob. Würden wir in einem normalen Betrieb arbeiten, wäre unser Überstundenkonto nach einem Monat prall gefüllt und der Betriebsrat würde kommen und verlangen, dass wir freinehmen.
Umso mehr entsetzt es mich immer wieder, dass Familienarbeit in Deutschland so gering geschätzt wird. Es macht mich wütend, dass Eltern, die sich dafür entscheiden, diese Arbeit für eine Weile ausschließlich zu machen, sich öffentlich beleidigen und beschimpfen lassen müssen. Ich finde es nicht nur unverschämt, sondern geradezu betriebsblind, dass sie gemein hin als „vergeudete Potentiale“ gelten, wenn sie weniger für den Arbeitsmarkt und mehr für die Familie tätig sein wollen.
Wer entscheidet in Deutschland eigentlich, welche Art der Tätigkeit vorhandene Potentiale bestmöglich weiterentwickelt? Wer hat festgelegt, dass Familienarbeit zum Verlust von Kompetenzen führt, während jede noch so stupide Erwerbstätigkeit diese anscheinend steigert?
Ich möchte das so nicht länger stehen lassen und plädiere dafür, einfach einmal genauer hinzuschauen. In einer dynamischen und sich ständig wandelnden Arbeitswelt können wir nicht länger davon ausgehen, dass darin tätige Personen vom Ende der Ausbildung an bis zum Renteneintritt den gleichen Beruf ausüben – es ist nicht mal mehr automatisch zu erwarten, dass sie die ganze Zeit über erwerbstätig sind. Berufsbiografien sind nicht mehr gerade. In ihnen finden wir Sabbaticals, Zeiten ungewollter Erwerbslosigkeit, Zeiten mit ehrenamtlichen Beschäftigungen, Zeiten mit Familienarbeit und Wechsel zwischen angestellter und selbständiger Tätigkeit. Gehen wir davon aus, dass die Biografien von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern genauso schräg und unabsehbar sind, wie der Arbeitsmarkt 4.0, dann müssen wir auch aufhören, nur die klassische Erwerbsarbeit als Zeit des Kompetenzerwerbs zu zählen.
Wenn ich mich in meinem Hauptberuf mit der Frage beschäftige, was Menschen für den Arbeitsmarkt qualifiziert, dann stoße ich nicht selten auf den Hinweis, dass es um ein Vielfaches mehr auf die Persönlichkeit ankommt, als auf formelle Qualifikationen. Würde ich morgen meinen Job wechseln, würde ich höchstwahrscheinlich mit etwas beginnen, von dem ich heute noch sehr wenig Ahnung habe – und ich würde den Job dennoch bekommen, weil man mir zutraut, mich schnell und eigenständig in den neuen Themenbereich einzuarbeiten. So geht es mittlerweile den meisten Arbeitnehmern. Unser Arbeitsmarkt ist dynamischer geworden, Berufe verschwinden, neue entstehen und so kann es sein, dass wir morgen etwas tun, für das wir heute noch nicht mal ein Wort haben. Es geht also – zusammengefasst – viel um Lernfähigkeit, Flexibilität und um Persönlichkeit.
Ich bin der Meinung, dass die Verantwortung für eine eigene Familie nicht die schlechteste Art und Weise ist, sogenannte Schlüsselqualifikationen für andere Tätigkeiten zu erwerben. Wer die Nerven behält, wenn der Säugling fünfzehn Minuten, bevor der Große in der Schule sein muss, dringend eine frische Windel braucht, behält sie wahrscheinlich auch beim Telefonat mit dem schwierigsten Kunden. Wer einen Kindergeburtstag mit sechs Jungs im Vorschulalter meistert, hat auch keine Angst vor einem neuen Jahrgang Auszubildender. Wer es schafft, sich jahrelang im elterntypischen Kreislauf zwischen Über- und Unterforderung selbst zu organisieren, der hat mehr über Selfmanagement und Eigenmotivation gelernt, als man ihm in der teuersten Fortbildung beibringen könnte.
Zudem ist es auch ein äußerst abwegiger Gedanke, dass Eltern bei reiner Familienarbeit daheim intellektuelle Kompetenzen einbüßen. Ich bin mir nicht sicher, ob es jemals so gewesen ist, aber bei uns ist es definitiv nicht so. Unser Elternsein beschränkt sich nicht auf Brei kochen und Windeln wechseln. Nicht nur der Arbeitsmarkt, auch das Aufwachsen unserer Kinder ist im Wandel. Wir sind eine Generation, die für die Herausforderungen des Elternlebens keine direkten Vorbilder mehr hat. Wir fragen selten unsere Mütter oder gar Großmütter, wenn wir wissen möchten, was wir unserem Baby zu essen geben können oder welches das beste Einschlafritual ist – die Antworten würden uns auch gar nicht gefallen. Wir informieren uns – wir fragen das Netz, wir lesen Testberichte und Elternratgeber. Wir haben uns in Themen eingearbeitet, die unsere Eltern nicht mal kannten, beschäftigen uns mit attachment parenting, Beikostrezepten, Allergieprävention und dem leidigen Impfthema. Kurz – wir bilden uns weiter, auch in unserem Elternjob und zwar ständig. Wir wollen das Beste, manchmal übertreiben wir dabei vielleicht, aber wir bleiben am Ball, auf der Höhe unserer Zeit und nah am neusten Wissen. Wir haben gelernt, wie man auch kleinste Pausen nutzen kann, um noch schnell die Information zu bekommen, die wir gerade dringend brauchen. Wir haben gelernt, dabei Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden und welche Quellen wirklich seriös und hilfreich sind. Wir verzetteln uns in unserem Alltag nicht, wenn wir auf der Suche nach Lösungen für anliegende Probleme sind, denn dafür haben wir weder Zeit noch Raum und trotz all der Hektik in unserem Leben haben wir sogar noch eine fast meditative Geduld erlernt. Uns bringt so schnell nichts aus der Ruhe – wer auf dem Weg zum Kindergarten regelmäßig an jedem Regenwurm und jedem Bagger stehen bleiben musste, der erträgt auch den Kollegen, der im Meeting stundenlang am Thema vorbei schwafelt. Wir vergeuden unsere Potentiale nicht und wir verlieren auch nicht unsere Anschlussfähigkeit an den Arbeitsmarkt – im Gegenteil, wir entwickeln uns weiter und es wird Zeit, dass dies gesehen wird.
Aktive Elternschaft, egal ob sie sich durch längere Auszeiten, Teilzeitbeschäftigung oder vielleicht nur durch den vorübergehenden Verzicht auf Überstunden und Beförderung äußert, ist lohnenswert, sie bereichert das Leben, leistet einen wertvollen Beitrag zum sozialen Miteinander und schafft Menschen, die auf dem Arbeitsmarkt 4.0 dringend gebraucht werden. Fangen wir endlich an, das vor uns herzutragen und stolz auf unsere Arbeit zu sein und bitten wir doch das Arbeitsministerium, dies anzuerkennen.

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One thought on “Auch Familie ist Arbeit 4.0

  1. Welch Freude es ist, einmal einen Artikel zu lesen, in dem nicht zuerst der Drahtseilakt beschrieben und dann reflexartig nach Kinderbetreuung gerufen wird, weil ja alles so schrecklich ist und deswegen niemand mehr Kinder bekommt. Tatsächlich empfand ich Vergnügen beim Lesen, denn Du hast es so schön geschildert. Inklusive der völlig logischen Schlussfolgerung: Man wird besser. Wenn ich mir überlege, was mich früher einmal gestresst hat, kriege ich heute einen Lachkrampf. 😉
    Alles Gute beim Bloggen!
    Kathi

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