Legt das Land lahm

Fünf Verhandlungsrunden hat es bereits im Tarifkonflikt zwischen Vertretern des Erziehungs- und Sozialdienstes und den kommunalen Arbeitgebern gegeben – fünfmal blieben diese ergebnislos. Die aus verschiedenen Gewerkschaften bestehenden Verhandlungsführer haben den zuständigen Gremien nun nahegelegt, ihre Beschäftigten zur Urabstimmung über einen unbefristeten Streik aufzurufen. Sollten sich dann mindestens 75 Prozent der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer bereit erklären, ihre Arbeit unbefristet niederzulegen, bleiben die Kitas in Deutschland für mehrere Tage, im schlimmsten Fall sogar Wochen geschlossen.
Arbeitskampf, wie man ihn in Deutschland selten sieht. Normalerweise einigen sich die Verhandlungspartner nach kurzem Mosern und ein bisschen Gewerkschaftsfolklore doch sehr schnell und das öffentliche Leben geht weiter. Nicht so im derzeitigen Tarifkonflikt zwischen den Beschäftigten im Sozial- und Erziehungsdienst und den öffentlichen Arbeitgebern. Die Erzieherinnen wollen nicht weniger, als eine generelle Höhergruppierung – und schaut man sich die Fakten an, ist diese Forderung auch mehr als berechtigt. Die Tätigkeiten, die das Kitapersonal mittlerweile leisten muss, sind so komplex geworden, die Ausbildung zur Erzieherin dauert jetzt zum Teil schon bis zu fünf Jahren und immer mehr berufsbegleitende Weiterbildungen sind nötig, um den heutigen Anforderungen zu entsprechen. Ganz abgesehen davon ist der Beruf extrem anstrengend, physisch wie psychisch und viele Kolleginnen schaffen es nicht, ihn bis zum Rentenalter auszuüben.
Dagegen stehen die leeren öffentlichen Kassen und die Tatsache, dass es sich die Kommunen einfach nicht leisten können, alle Beschäftigten höher einzugruppieren.
Die Situation scheint verfahren und so können wir davon ausgehen, dass dieser Arbeitskampf tatsächlich auf die Spitze getrieben wird und unsere Kitas Anfang Mai für mehrere Tage dicht sein werden.
Ich habe ein etwas schlechtes Gewissen, denn ich schreibe diesen Blogeintrag von einem ziemlich hohen Ross herunter, tangiert mich dieser Streik doch gerade so überhaupt nicht, da ich mich erstens eh noch in der Elternzeit befinde, zweitens Dank springbereiter Großeltern noch nie Probleme mit Schließtagen hatte und drittens über den absoluten Luxus von verständnisvollen Arbeitgebern und Heimarbeitsoptionen verfüge – genau wie mein Mann. Von meiner Position aus lässt sich also leicht rufen: „Macht mal, liebe Erzieherinnen, ihr habt ja so recht.“ Bauchdrücken bekomme ich jedoch, wenn ich mich in meinem Umfeld umsehe. Ich sehe die verzweifelten Blicke von anderen Müttern, mit denen ich mich letzte Woche auf dem Spielplatz unterhielt, die sowieso schon strampeln, die gerade erst die Zeit der vielen Infekte hinter sich gebracht haben und deren Arbeitgeber bereits jetzt am Ende ihrer Geduld sind. Ich sehe die Frauen, die sowieso täglich mit dem Vorurteil kämpfen müssen, dass Mütter unzuverlässige Arbeitnehmerinnen sind und die dieses nun scheinbar bestätigen werden. Ich weiß genau, was in diesen Tagen in manchen Haushalten ablaufen wird, ich kann die gedrückte Stimmung dort fast spüren – die Konflikte zwischen den Elternteilen, die sich einigen müssen, wer in den sauren Apfel beißt und mit den Kindern daheim bleibt. Keiner will, keiner kann es sich scheinbar erlauben, ein oder zwei Tage von der Arbeit fern zu bleiben. Meistens geht es um Sicherung der Existenz auf der einen, um den Beweis der Verlässlichkeit auf der anderen Seite. Eine Situation zum Verzweifeln, eine Belastungsprobe für Beziehungen und Familien – eine nicht auszumalende Katastrophe für Alleinerziehende, die nicht einmal theoretisch die Möglichkeit haben, das längere Streichholz und somit den Arbeitstag zu ziehen. Gerade diese hätten es aber am nötigsten, sich dem Arbeitgeber gegenüber verfügbar und zuverlässig zu zeigen, haben sie doch mit den meisten Vorurteilen zu kämpfen und sind sie doch darüber hinaus auch noch allein für die finanzielle Existenz der Familie verantwortlich.
Also eigentlich doch ein Ding, das nicht sein darf, dieser bevorstehende unbefristete Streik, oder? Zu viel hängt daran, zu viel bleibt auf der Strecke, wenn die Kitas geschlossen bleiben. Einerseits!
Doch andererseits sind da die Menschen, denen wir täglich unsere Kinder anvertrauen. Die (größtenteils) Frauen, die täglich ihr Bestes geben, an ihre Grenzen gehen und dafür ein Gehalt nach Hause bringen, von dem man kaum leben kann. Ihre Arbeit ist mehr wert – viel mehr. Ihre Forderungen sind berechtigt und sie können sie nicht immer nur hinter leeren öffentlichen Kassen zurückstellen. Auf ihrem Rücken leben wir gerade unsere Vereinbarkeit – fallen sie aus, wird sichtbar, wie fragil dieses Konstrukt von je her war. Unsere sogenannte Vereinbarkeit beruht auf Ausbeutung, sie funktioniert nur, weil wir die Hauptakteurinnen darin schlecht bezahlen und weil wir uns darauf verlassen, dass sie es mitmachen, dass sie mitspielen, dass ihr Verantwortungsbewusstsein gegenüber uns und unseren Kindern größer ist, als ihr eigener materieller Wohlstand. Das konnte nicht gut gehen – und nun fliegt es uns höchstwahrscheinlich um die Ohren, zumindest für einige Tage.
Das Schlimme daran ist, dass es auf die Kosten der Eltern geht und dort wiederum auf die Kosten derjenigen Eltern(teile), die es sowieso schon am schwersten haben. Die sowieso strampeln, die nicht über die finanziellen Ressourcen verfügen, mal eben Ersatzbetreuung zu organisieren. Es geht auf Kosten derer, die allein verantwortlich sind und auf Kosten der Frauen, die sowieso mit Vorurteilen zu kämpfen haben.
Mit Hilfe der Verhandlungspartner könnten wir dieses Dilemma ein bisschen abfedern. Es wäre an ihnen, ihre Vertreter in anderen Beschäftigungszweigen auf Trapp zu bringen. Betriebsgruppen müssen aktiv werden und mit denjenigen Arbeitgebern vor Ort verhandeln, deren Angestellte vom Streik betroffen sein werden, auch die anderen DGB-Gewerkschaften müssten Schützenhilfe leisten und an ihren Standorten an einer Lösung mitarbeiten. Die Arbeitgeber müssen nun selbst einspringen, sie können sich mal eine Weile nicht darauf verlassen, dass andere ihren Fachkräften den Rücken frei halten. Sie werden in die Pflicht genommen, um Vereinbarkeit wirklich möglich zu machen. Sie müssen nun selbst überlegen, wie wichtig die körperliche Anwesenheit ihrer Mitarbeiter an diesen Tagen ist, ob die Arbeit von 9-17 Uhr gemacht werden muss, oder auch nach 20 Uhr am Küchentisch erledigt werden kann. Vielleicht müssen sie eine Spielecke im Büro zur Verfügung stellen oder ein paar Nannys besorgen und vielleicht wird Familie dann einmal für ein paar Tage dort sichtbar, wo man sie am liebsten gar nicht wahrnehmen würde, in der deutschen Wirtschaft. Aber das können die Eltern nicht allein durchsetzen und schon gar nicht jeder Einzeln, sie sind die schwächsten Glieder in der Kette und ich möchte die Kolleginnen und Kollegen der Gewerkschaften aufrufen, sie nicht hängen zu lassen. Setzt euch an euren Arbeitsstellen dafür ein.
Das löst aber längst nicht alle Probleme: Besonders Freiberufler haben niemanden, an den sie die Frage der Kinderbetreuung weitergeben können und auch in kleineren Betrieben ist nicht damit zu rechnen, dass sich jemand einsetzt. Hier sollten wir diejenigen in die Pflicht nehmen, die die scheinbar gelungene Vereinbarkeit politisch für sich nutzen. Gehen wir zu den Bürgermeistern, die sich damit brüsten, dass es in ihren Städten und Gemeinden besonders gut klappt, gehen wir zu den Wahlkreisabgeordneten aus Bund und Land, denn sie alle, fast egal welcher Fraktionen, haben in den letzten Jahren irgendwas mitbeschlossen, was scheinbar super ist, in echt aber nicht mehr als eine Worthülse. Fragen wir sie, wo Nanny und Hüpfburg sind und wann das Bio-Mittagessen kommt. Versuchen wir viele zu sein. Eltern wie ich, die kein Betreuungsproblem haben, sollten trotzdem mitgehen. Wir sollten uns gemeinsam mit denen, die wirklich betroffen sind, auf die Rathaustreppen setzen und an den Türen der Wahlkreisbüros klopfen. Wir sollten zeigen, dass auch wir nicht länger hinnehmen, dass unausgegorene Konzepte auf unseren Rücken und denen der Erzieherinnen ausgetragen werden.
Lasst uns sichtbar sein, wenn es zum Dauerstreik kommt – und laut. Wenn wir es jetzt nicht alle zusammen tun, dann werden sich bald immer mehr Leute in unseren Kitas finden, die wir nicht so gern in der Nähe unserer Kinder haben wollen, weil es für die anderen bald zu unattraktiv sein wird, diesen Beruf auszuüben.
Liebe Kolleginnen und Kollegen der Gewerkschaften, liebe Erzieherinnen – legt das Land lahm – aber bitte macht es richtig!

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