Wenn niemand mehr Gedöns macht

Während die Erzieherinnen nun streiken, zerfleischt sich das Land weiterhin selbst darüber, ob dies nun richtig ist oder nicht. Abgesehen davon, dass das Streikrecht eine demokratische Errungenschaft ist, die hoffentlich niemand ernsthaft in Frage stellt, finde ich es interessant, dass gerade dieser Streik so kritisch beäugt wird. Ich habe selten gehört, dass eine Arbeitsniederlegung der Industriegewerkschaften so kontrovers diskutiert wurde, obwohl es dazu auch recht regelmäßig kommt und obwohl die Forderungen, die dort im zwei-Jahres Takt gestellt werden, auch nicht gerade bescheiden sind. Eine Kollegin, die ebenfalls im Bildungsbereich arbeitet, kommentierte das einmal so: „Die bekommen Sachen, die fordern wir nicht einmal.“ Der Unterschied ist wohl, dass es weniger Menschen betrifft, wenn die Industriegewerkschaften mal wieder zum Ausstand aufrufen. Es bleibt dann da, wo es eigentlich hingehört – zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer. Wenn Erzieherinnen streiken, ist die Allgemeinheit betroffen – und das darf nicht sein – so zumindest das Denken Einiger. Es zahlen die Falschen, nämlich in diesem Fall die Eltern für den Streik, das ist leider wahr. Doch leider werden auch die Falschen dafür angeklagt, nämlich die Erzieherinnen und die Gewerkschaften. Die wenigsten kommen auf die Idee, diejenigen zur Verantwortung zu ziehen, die eigentlich verantwortlich sind, die Politiker.
Familienpolitik in Deutschland wurde von Angela Merkels Vorgänger als Gedöns bezeichnet und auch wenn dieser sich später dafür mit der Begründung entschuldigte, es sei ihm nur der volle Namen des Resorts entfallen, macht es das nicht besser. Der Ausdruck Gedöns zeigt die Wertschätzung, die Familie in Deutschland genießt, schon sehr deutlich. Daran hat sich auch nichts geändert, seit unser Curry-Wurst essender Altkanzler von einer Frau abgelöst wurde, die man liebevoll Mutti nennt. Zwar hat deren erste Familienministerin Ursula von der Leyen das Elterngeld eingeführt und somit zum ersten Mal einen echten Lohnersatz für Eltern eingeführt, doch die hiermit ausgedrückte Wertschätzung gebührt eher dem davor verdienten Arbeitsentgelt und ist somit doch wieder nur eine Hommage an die Erwerbsarbeit. Denn würde man das Elterngeld als Wertschätzung von Erziehungsleistung betrachten, müsste man annehmen, dass die Erziehungsleistung einer Erzieherin weniger Wert ist, als die einer Chefärztin, soweit es die eigenen Kinder betrifft. Aber lassen wir das Fass lieber zu. Weder v. d. Leyen noch ihre beiden Nachfolgerinnen haben bisher viel dazu beigetragen, die Familien aus der Gedöns-Ecke zu befreien. Unsere neue Ministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend kümmert sich ebenfalls lieber um erfolgreich Erwerbstätige, nämlich vorrangig um die, die das Zeug haben, in Aufsichtsräte deutscher Unternehmen aufzusteigen. Daneben liegen ihr vor allem die Eltern am Herzen, die ihre Vorgesetzten und ihr Leben von einer jeweils 25 Stunden umfassenden Arbeitswoche überzeugen können, denn die haben ab Juli ein Anrecht auf das neue Elterngeld plus. Alle anderen sind eingeladen, weiterhin das zu tun, was sie immer tun – Gedöns.
Viele machen dieses Gedöns hauptberuflich – sei es unentgeltlich im eigenen Haushalt oder im bezahlten Job als Erzieherinnen. Beide brauchen Unterstützung. Die Erzieherinnen brauchen endlich jemanden, der für sie einsteht, der realistische Wege aufzeigt und die Situation in der Kindertagesbetreuung nachhaltig verbessert. Dabei geht es nicht nur um höhere Entgelte. Es geht auch um strukturelle Veränderungen, mehr Personal, bessere Weiterbildungen, niedrigere Betreuungsschlüssel und offene und ehrliche Diskussionen darüber, was eine Kita leisten kann und was einfach nicht geht. Eltern brauchen ebenfalls jemanden, der für sie kämpft. Der es ihnen ermöglicht, in Deutschland das Familienleben zu führen, dass sie gern führen würden. Der ihr tägliches Gedöns ernst nimmt und ihr Strampeln nicht einfach mit simplen Gleichstellungsvorschlägen unter Kontrolle bekommen will.
Gerade sehen wir sehr deutlich, was passiert, wenn diejenigen, die sich beruflich mit Gedöns befassen, das nicht mehr machen wollen – das Land steht ein bisschen stiller als sonst und Familien sind ein bisschen sichtbarer. Wenn sich nichts ändert und wir oben genannte Themen nicht ansprechen, dann möchte bald wirklich niemand mehr Gedöns machen.
Gerade in den letzten Tagen durfte ich persönlich viel an die Erziehungsleistung meiner eigenen Mutter denken, da wir dieser zu ihrem 60. Geburtstag ein Fotoalbum mit den schönsten Momenten unserer Kindheit zusammengestellt haben. Dabei wurde mir gerade wieder bewusst, welch eine wahnsinnige Leistung sie in ihrem Leben verbracht hat. Sie war immer erwerbstätig und hat immer Gedöns gemacht – nicht nur das alltägliche Kindergedöns, dass wir gemeinhin meinen, wenn wir von Familienarbeit reden, sondern sie hat auch ihre Angehörigen im Alter betreut und gepflegt. Ihre Lebensleistung ist bereits jetzt unfassbar groß. Für die Gesellschaft ist sie abzulesen an zwei im Leben stehenden Kindern und an vielen Verwandten, die nicht in Pflegeheimen, sondern daheim alt werden und sterben durften – im Kreis der Familie. Anerkannt wird – dreimal dürfen Sie raten – nur ein Teil davon.
Gegner des Kitastreiks werden übrigens gerade nicht müde, den Pflegekräften zu danken, dass sie nicht streiken, denn sie hätten ja allen Grund dazu, verdienen sie doch bereits jetzt schon weniger als Erzieherinnen. Immerhin scheint hier ein Bewusstsein für eine wertvolle, aber unterbezahlte Arbeit vorhanden zu sein. Zu glauben, die Pflegekräfte würden sich dauerhaft damit zufrieden geben und der Gesellschaft weiterhin unterbezahlt einen so wertvollen Dienst leisten, ist jedoch aberwitzig. Bereits jetzt vollzieht sich in der Pflege ein eher stiller Streik, der sich dadurch auszeichnet, dass immer mehr Fachkräfte fehlen und sich immer weniger junge Menschen für diesen Ausbildungsweg entscheiden. Der Pflegenotstand wird sich in den nächsten Jahren dramatisch ausbreiten, die Zahl der in Institutionen zu Pflegenden wird hingegen zunehmen.
Angesichts dieser Entwicklungen in den beiden Bereichen, die sich beruflich mit Gedöns befassen, sind diejenigen glücklich, die Großeltern haben, die dieser Tage und auch in Zukunft bei der Kinderbetreuung einspringen. Gut dran sind auch diejenigen, die Kinder und Enkel haben, die sich im Alter um sie kümmern. Arm dran die, die auf die staatliche Alten- und Kinderbetreuungsstruktur angewiesen sind und kurzsichtig die, die meinen es sei nicht nötig, in diese Bereiche zu investieren.

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