Auf den Spuren der niedrigsten Geburtenrate der Welt

Heute: Perfektionismus

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber ich bin diese Woche mal wieder an der Vereinbarkeit gescheitert – und dabei habe ich nur versucht, Kind 1 mit Kind 2 und Kind 3 zu vereinbaren. Okay – und mit dem Kitastreik und mit einer obstruktiven Bronchitis beim Baby und mit zwei Blogs. Aber es bleibt dabei – ich bin gescheitert.
Eigentlich wollte ich diesen Blog diese Woche mit einem Artikel zu den Ergebnissen des Hamburger Weltwirtschaftsinstituts befüllen – denn aus diesen geht hervor, dass Deutschland die niedrigste Geburtenrate der Welt hat. Dieses Ergebnis kommt zustande, weil das Hamburger Institut nicht die Anzahl der Geburten pro Frau gemessen hat (auch da liegen wir ja weit hinten), sondern pro 1000 Einwohner.
Gründe dafür werden im Netz seither rauf und runter diskutiert. Die Hauptschuldigen sind – je nach politischem Lager – die mangelnden Krippenplätze, der wirtschaftliche Druck auf Frauen, schnell wieder arbeiten zu müssen, das hohe Armutsrisiko für Alleinerziehende, das veraltete Konstrukt der Ehe oder allgemein unsere kinderunfreundliche Gesellschaft. Einige dieser Erklärungsversuche sind absurd, andere verdienen eine genauere Betrachtung und diese hätte ich diese Woche gern vorgenommen.
Hätte – wäre da nicht zu allererst einmal der Kitastreik gewesen und wären da nicht Kind 1 und 2 gewesen, die die dritte Woche in Folge den ganzen Tag zu Hause waren. Anfangs war ich trotzdem total motiviert und las im Netz gespannt den Kommentar einer Nido-Redakteurin zur deutschen Kinderfeindlichkeit. Danach fiel mein Blick auf einen wunderschönen Obstteller einer Mama-Bloggerin, die das Obst für ihre Kinder in Form eines lachenden Gesichtes auf dem Teller angeordnet hatte. Ich schaute meinen eigenen, frisch eingedeckten, Frühstückstisch an und bekam Gewissensbisse. Zum Glück waren wenigstens noch ein paar Erdbeeren im Kühlschrank, die ich schnell für meine Kinder auf einem Teller anrichtete und mit Bananenscheiben garnierte. Ohne dieses wunderschöne Arrangement zu loben, griffen meine Kinder stürmisch nach dem Obst und die Hälfte der Erdbeeren landete auf dem Holzfußboden. Ich suchte nach den Öltüchern, schrubbte den Boden und versuchte, nicht zu schimpfen, weil man Kinder nicht schimpfen soll, wenn sie Erdbeeren runterwerfen. In der Zeit löffelte Kind 2 ihren aufgeschäumten Kakao und dieser landete zum Großteil auf ihrem Kleid. Wieder ein Handgriff mehr, der nach dem Frühstück zu erledigen wäre, dachte ich genervt.
Zwischen Stillen, Rotznasen putzen und immer neuen Dreck und neue Unordnung entfernen, schaute ich ab und zu auf mein Smartphone und bewunderte die stimmungsvollen Familienfotos anderer Mütter auf Instagram. Weil ich mich ärgerte, dass es in unserem Haus keine einzige Ecke gab, in der man solch ein Foto aufnehmen könnte, versuchte ich, unsere Kommode zu sortieren. Dabei wurde ich unterbrochen, von ausgelaufenen Windeln, streitenden Kindern, klingelnden Postboten und Verwandten am Telefon. Ich ärgerte mich – darüber, dass ich nichts schaffte – und dann sah ich in den Spiegel. Wann um alles in der Welt war ich eigentlich in die Perfektionismusfalle getappt? Wie viele waren wir, die hier drin gefangen ihr Dasein fristeten und täglich strampelten, ohne je auch nur eines der hochgesteckten Ziele zu erreichen?

Perfektionismus – hing der nicht vielleicht irgendwie mit der niedrigsten Geburtenrate der Welt zusammen? Der Soziologe Heinz Bude beschreibt das verzweifelte Streben unserer Elterngeneration nach Perfektion mit unserer Angst, Fehler zu machen. Wir haben Angst, eine falsche Entscheidung für unsere Kinder zu treffen – das falsche Instrument? Oder vielleicht sogar gar keins? Die falsche Schule oder die falsche Gemüsesorte zum Beikoststart? Das ist nichts, worüber wir Eltern heute herzhaft lachen können. Unsere Angst wird beflügelt, vor allen Dingen im Netz. Unzählige Seiten erzählen uns, wie wir es richtig machen können und was wir bei der Erziehung unserer Kinder ja vermeiden sollten. Wir sind laut geworden? Was für unsere Eltern noch ein normaler Teil der Erziehung war, gilt heute als schwerwiegende Beziehungsverletzung. Wir stehen unter Druck – und unter ständiger Beobachtung – am meisten durch uns selbst. Wir müssen alles schaffen, glückliche Kinder respektvoll erziehen und Geld verdienen, soviel, dass wir auch dann noch abgesichert sind, wenn unsere Ehe scheitert, der Partner berufsunfähig wird oder unser Zuhause in einem Erdloch versinkt.

In meinem Kopf strukturierte ich einen wunderbaren Blogeintrag dazu und überlegte, welche Experten zu Wort kommen könnten, wo ich nachlesen würde und wie ich das Ganze bebildere. Das wundervolle Ideenkonstrukt verschwand jedoch rasch hinter dem Anblick meiner Mittleren, die völlig durchgenässt im Garten stand, weil sie versucht hatte, sich selbst verbotenerweise Wasser aus der Regentonne zu holen. Gleichzeitig schrie Kind 3 wie am Spieß und Kind 1 stellte sich mit ernstem Gesicht neben mich und stellte mir eine ihn sehr bewegende Frage über Leben und Tod – ich wollte in diesem Moment eigentlich am liebsten letzteren wählen und mich gleich selbst im Regenfass ertränken, so wenig wusste ich, wo ich anfangen sollte. Stattdessen wuchtete ich das Baby mehr schlecht als recht in die Trage und zog das protestierende Regentonnenmädchen an einer Hand hinter mir die Treppe hoch und sagte dem bewegten Jungen, dass wir später reden würden – und dabei fühlte ich mich furchtbar. Ich hatte gleich dreifach versagt – war nicht aufmerksam für Sorgen und Nöte gewesen, hatte die Mittlere nicht respektvoll behandelt und das Baby würde sicher einen Hüftschaden vom falschen Tragen bekommen.

Als dysfunktionalen Perfektionismus bezeichnet die Psychologin Christine Altstötter-Gleich eine Ausprägung dieses Wesenszugs, die uns dazu bringt, uns Standards an uns selbst und unser Leben zu setzen, denen wir nicht genügen können. Diese Art von Perfektionismus motiviert uns nicht, eine Sache gut zu machen, sondern lähmt uns, denn sie lässt keinen Platz für Freude über Erreichtes und erlaubt keinen lockeren Umgang mit dem, was nicht geschafft wurde. Mütter, so die Psychologin, sind hierfür besonders anfällig, denn die Standards für gute Leistungen sind in ihrem Fall unklar, genau wie die Frage, wer sie setzt.
Bude beklagt den Irrglauben, der Perfektionismus geplagten Generation Y, alles kontrollieren zu können, wenn sie sich nur genügend anstrengt. Statt Chaos und Ungeplantes anzunehmen, so der Soziologe, verzettelt sie sich in To-Do-Listen und geben sich der Illusion scheinbarer Kontrolle hin.
Das Streben nach dem perfekten Familienleben beginnt oft schon, bevor überhaupt Kinder da sind – und hier kommen wir zu einem Teil des Problems. Die Frage nach dem perfekten Zeitpunkt für das erste Kind wird für viele zum ersten, selbstgelegten Fallstrick, denn natürlich muss dieser passen: das Studium oder die Ausbildung müssen beendet sein, der Berufseinstieg geschafft, der Arbeitsvertrag unbefristet und ein paar Jahre Berufserfahrung sollten es dann auch schon sein. Man möchte seinem Kind ja schließlich gesicherte finanzielle Verhältnisse bieten. Außerdem muss man vorher noch ausgiebig reisen, die Zweisamkeit genießen und ein wunderschönes Heim einrichten. Läuft das Leben dann tatsächlich nach Plan und das erste Kind stellt sich prompt ein, nachdem die pre-prenatale To-Do-Liste abgearbeitet ist, geht der Perfektionismuswahn weiter. Die richtigen Babykurse müssen gewählt werden, die weibliche Figur muss schnell zurück auf den alten Status und auch ansonsten darf kein Fehler passieren – die richtige Beikost, die richtigen Freunde, die richtige Kita, der richtige Zeitpunkt zum beruflichen Wiedereinstieg und die richtige Work-Life-Balance und das alles bitte kombiniert mit Obsttellern in Smiley-Form und täglich frischen Blumen auf der Fensterbank. Wer daran scheitert, wird sich vielleicht gar nicht erst die Frage nach dem perfekten Zeitpunkt für weitere Kinder stellen – für alle anderen geht der Wahn in die zweite Runde. Ein kurzer Altersabstand von maximal zwei Jahren oder doch lieber etwas mehr? Sollen sie miteinander spielen oder Raum haben, sich jeweils individuell entwickeln zu können und passt Kind 2 überhaupt in unser perfektes Leben?

Wer, so wie ich, perfektionismustechnisch eher ein Seiteneinsteiger ist, der findet sich dann eines Abends mit drei Kindern in unregelmäßigen Altersabständen und befristetem Arbeitsvertrag in seinem Schlafzimmer wieder. Neben dem Bett stapelt sich die frisch gewaschene Wäsche in Körben fast deckenhoch und wird so zum Mahnmal des eigenen Versagens. Das frisch geduschte Sandwichmädchen und der große Bruder lauschen meiner Antwort auf die existenziellen Fragen von vorhin und das Baby ist endlich eingeschlafen. Da kommt mir Reinhard Mey in den Sinn. Eigentlich lebe ich gerade seine Ballade „Alle guten Dinge sind drei“. Er wusste, wovon er da sang, hat er doch schließlich selbst drei Kinder erzogen und den täglichen Wahnsinn erlebt. Er beschreibt den Alltag mit Kindern so, wie er wirklich ist und nicht so, wie er ab und zu auf Instagram oder in Bullerbü-Blogs dargestellt wird. Reinhard Mey singt nicht über schön angerichtete Obstteller oder harmonische Familienwanderungen im perfekten Outfit. Er besingt das Chaos, die Reibung, den Dreck, die Sorgen und die Erschöpfung nach einem Tag mit drei Kindern, das Scheitern an Alltäglichkeiten. Aber er singt auch nicht vom Bereuen der Elternschaft oder vom Vermissen der Work-Life Balance. Sein Text ist voller Humor und Selbstironie und eine wunderbare Antwort auf Perfektionierungswahn – und auf einmal werden mir die Wäschekörbe egal. Alle guten Dinge sind drei – in unserem Fall stimmt das. Vielleicht könnte man die Geburtenrate in Deutschland erhöhen, wenn man Menschen im gebärfähigen Alter mehr Mey und weniger Instagram verordnet – wer weiß.
Links:
http://www.geo.de/GEO/heftreihen/geo_wissen/interview-die-perfektionismus-falle-76441.html
http://www.nido.de/artikel/heinz-bude-interview-niemand-will-dumm-dastehen/
Literatur
Bude, Heinz: Gesellschaft der Angst, Hamburger Edition, 2014.

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