Ein Plädoyer für die Sommerferien

Die Sonne scheint schon morgens um halb sieben, im Garten wachsen Erdbeeren und obwohl gerade eine leichte Schafskälte das Land überzieht, ist er unübersehbar – der Sommer.

Seit Jahren steht der Start dieser Jahreszeit leider nicht mehr nur für Eis und gute Laune, sondern auch für eine neue Vereinbarkeitsdiskussion. Im Mittelpunkt stehen dabei die Sommerferien. Diese – so einige, sich mehrende Stimmen – sind nämlich viel zu lang. Besonders hart trifft dieser Umstand die Eltern, die in der Regel keine sechs Wochen am Stück frei machen können und selbst wenn sie es könnten, wären dann ihre Urlaubstage aufgebraucht und Herbst-, Weihnachts- und Osterferien würden sie vor neue Probleme stellen.

Am liebsten sähe man es daher mancherorts, wenn die Schulferien der Kinder an die durchschnittlichen Urlaubtstage der Eltern angepasst werden würden und damit um die Hälfte reduziert. Dies ist wieder einmal ein schönes Beispiel dafür, dass in der Debatte um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie eben nicht die Familien an erster Stelle stehen. Immerhin könnte man diese Forderung ja auch umkehren.

Die Kinder kommen in der Argumentation der Kritiker langer Ferien aber durchaus vor. Denn diese vergessen, laut ihnen, in den langen Sommerferien regelmäßig all ihren mühsam eingetrichterten Stoff und somit muss viel zu viel Zeit mit Wiederholungen vergeudet werden.
Zeit vergeuden – das möchte heute natürlich niemand mehr, schon gar nicht, wenn es darum geht, die Zukunft des Landes auf den Fast Track zur Erwirtschaftung zukünftiger Rentenbeiträge zu schicken. Wie so oft wird dabei aber leider übersehen, dass Dauerdruck und Effizienswahn Kinder nur in Ausahmefällen besser machen. Vielmehr sind Pausen und Wiederholungen ein wichtiger Teil des Lernens und gerade die langen Ferienzeiten im Sommer halten darüber hinaus genügend Lerngelegenheiten für Kinder bereit, die die Schule nicht bieten kann.

Das Vereinbarkeitsproblem der Eltern, dass sich insbesondere in den Sommerferien ergibt, lässt sich allerdings nicht wegdiskutieren. Die schönsten Ferien im Jahr deshalb zu kürzen, halte ich jedoch für den falschen Weg. Vielmehr sollten wir Wege finden, damit umzugehen.

Vielerorts gibt es ja bereits Schulbetreuungsangebote, die auch in den Ferien bestehen und auch die Kommunen lassen sich oft einiges einfallen, um diese Zeiten zu gestalten. Diese Angebote sind auch dringend nötig, denn dadurch dass sie da sind, haben Eltern die Chance, auch ein paar Wochen im Jahr gemeinsam Urlaub zu machen und sich nicht nur bei der Betreuung der Kinder die Klinke in die Hand zu geben.

Dennoch sollte man dabei eins im Auge haben: Durch die immer stärkere Institutionalisierung der Freizeit unserer Kinder nehmen wir ihnen viele Freiräume. Ferien sollten nicht nur eine Fortsetzung des Schulalltags ohne Noten und Hausaufgaben sein, sie müssen Kindern auch ein bisschen kreative Langeweile und neue Anregungen bieten und sie sollten eigentlich auch ab und an einmal Pädagogen freie Zone sein. Diese Zeit zum Durchschnaufen schulden wir unseren Kindern.

Glücklich sind dabei einmal mehr die Familien, die auf Großeltern zurückgreifen können. Aber da dies, glaubt man den öffentlichen Stimmen zu diesem Thema, immer seltener wird, müssen wir uns etwas einfallen lassen.

Mit WIR meine ich im Übrigen nicht nur uns Eltern, sondern UNS als Gesellschaft – denn gefragt sind alle – Städte und Gemeinden, Vereine, freie Träger, Nachbarn und Freunde.

Zum einen ist unsere Kreativität gefragt – warum zum Beispiel nicht einfach mal den nach Schule muffelnden Hort geschlossen lassen und die Betreuung in den Wald verlegen oder in ein Zeltlager am See? Warum nicht mal alle Bildungsansprüche vergessen und nichts als eine leere Wiese und ein paar Erwachsene als Ansprechpartner für den Notfall zur Verfügung stellen? Warum nicht wenigstens kreativ den Alltag brechen?

Das eine gesamtgesellschaftliche Verantwortung auch die Arbeitgeber mit einschließt, muss ich wahrscheinlich gar nicht extra erwähnen, denn da sind sie wieder, unsere Themen: flexible Arbeitszeiten, Teilzeitoptionen auf allen Ebenen und Homeoffice sind gerade in den Ferien von großer Bedeutung, wenn man Beruf und Familie vereinbaren und nicht nur addieren will.

Aber auch auf der Mikroebene sind wir gefragt: das in der Kinderziehung oft bemühte Dorf darf hier gern zum Einsatz kommen. Wir brauchen Nachbarschaften, in denen Kinder sich frei und sicher bewegen können, in denen Familien sich mit der Betreuung der Ferienkinder abwechseln, statt darüber zu lamentieren, dass Familie A die falschen Süßigkeiten und Familie B den falschen Kindersitz hat. Wir brauchen Nachbarschaften, in denen das enkellose Rentnerpaar von nebenan gern mal ein paar Stunden auf die Kinder schaut und in denen das Kind der alleinerziehenden, vollerwerbstätigen Mutter selbstverständlich von den anderen mit ins Schwimmbad genommen wird. Von mir aus darf in einer solchen Nachbarschaft auch gern eine Else Kling am Fenster sitzen und Zeter und Mordio schreien, wenn ein Fremder mein auf der Straße spielendes Kind anspricht – zum Dank trage ich ihr nachmittags, wenn ich von der Arbeit komme, die Einkäufe hoch. Das ist mir alles lieber, als anonyme Vereinzelung, in der jede Famili ihren täglichen Kampf alleine kämpfen muss.

Was wir nicht brauchen, sind allzu einfache Lösungen, die scheinbar unsere Kinder schlauer und uns Eltern verfügbarer machen.

Kinder brauchen Ferien – und das geht uns alle was an!

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