Auf den Spuren der niedrigsten Geburtenrate der Welt – Teil II

Heute: Dogmatismus
Dogmatismus – das unkritische Festhalten an irgendwo übernommenen Glaubenssätzen wird in den familienpolitischen Diskussionen des Landes mit größtmöglicher Leidenschaft zelebriert. Immer. Überall. Jeden Tag. Im Kleinen wie im Großen.
Dogmatismus kommt in allen familienpolitischen Lagern vor. Was für die eine Seite die Hausfrauen-Ehe als Lobpreisung des einzig wahren Lebens ist, ist für die andere Seite die frühe Krippenerziehung und die möglichst vollzeitnahe Berufstätigkeit beider Elternteile.
Irgendwo dazwischen strampeln deutsche Familien – oder tun es eben nicht, weil sich diejenigen, die eigentlich mal Familie sein könnten, dem längst verweigert haben. Weil sie sich nicht verorten wollten in dem einen oder dem anderen und weil ihnen allein der Gedanke an die derzeitigen Optionen im Rahmen der Elternschaft die Lust dazu nimmt.
Über die Köpfe dieser sich abstrampelnden oder verweigernden Masse hinweg, breiten die unterschiedlichen Lager ihre Thesen aus und mit jeder neuen Sau, die durchs familienpolitische Dorf getrieben wird, entsteht ein neuer, unumstößlicher Glaubensgrundsatz. Die Überschrift, die all diese gemeinsam tragen könnten, ist, was für mich nicht richtig ist, kann für niemanden richtig sein.
Leider wird dieser Hang zu festgefahrenen Ansichten auch immer dann spürbar, wenn es an die praktische Umsetzung familienpolitischer Forderungen geht. Viele Instrumente zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie sind zwar auf dem Papier gut, in der Handhabung aber extrem bürokratisch und unflexibel. Ein schönes Beispiel dafür ist das Elterngeld, dessen Auszahlung an die Lebensmonate der Kinder gebunden ist. Das ist einigermaßen in Ordnung, wenn nur ein Elternteil vorhat, es zu beziehen. Wollen sich beide mit dem Arbeiten abwechseln, wird es schon etwas ungemütlicher, weil Kinder nur selten am 1. des Monats geboren werden, Personalabteilungen aber ungern Arbeitsverträge für Elternzeitvertretungen ab dem 18. abschließen. Alles in allem können Berufstätige in einem Angestelltenverhältnis aber noch einigermaßen gut vom dieser Zahlung profitieren, auch wenn man bei der Beantragung schon ab und zu verzweifeln kann, bei all der Bürokratie. Richtig haarig wird es jedoch für Freiberufler, weil diese, wenn sie ihre Geschäfte nicht komplett ruhen lassen wollen, ein Problem haben nachzuweisen, wie viel Einkommen ihnen durch die Elternzeit entgeht.
Das Elterngeld hat uns Frauen zudem ein neues Dogma eingebracht, das bereits ziemlich schnell Einzug in die Köpfe des Mainstreams gefunden hat. Ich spreche vom Dogma des ersten Lebensjahres. 12 Monate kann frau nämlich bei Erhalt von 65% des letzten Einkommens zu Hause bleiben – und wehe sie entscheidet sich dafür, es kürzer oder länger zu tun.
Es scheint fast so, als wären kleine Menschenkinder neuerdings nach einem Jahr intensivem Säugens ausgewachsen und bereit, die Welt allein zu erforschen, denn nur so kann ich mir ein öffentliches Mutterbild erklären, dass Frauen ein Jahr lang an die Seite des Kindes kommandiert, sie danach aber wieder eifrig und in Vollzeit am Arbeitsplatz sehen will. Vätern kommt in diesem Bild dann maximal eine Assistentenrolle zu oder die des Praktikanten für zwei Monate.
Ich mache gerade meine persönlichen Erfahrungen mit dieser anstrengenden Rollenzuschreibung und habe so mal fix die Schublade gewechselt. Von der konservativen, unemanzipierten Latte-Macchiato Mum, die öffentlich erklärt hat, dass sie nicht vor hat, auch nur während der Grundschulzeit ihrer Kinder Vollzeit zu arbeiten oder Karriere zu machen, wurde ich zur karrieregeilen Rabenmutter, weil ich auch im ersten Lebensjahr meines dritten Kindes berufstätig sein möchte und mein Baby in dieser Zeit von dessen Vater betreuen lasse.
Apropos Berufstätigkeit von Müttern im ersten Lebensjahr des Kindes. Dass diese nicht wirklich als offizielle Option gilt, zeigen nicht nur die teilweise unglaublich dummen Reaktionen des Umfelds darauf, sondern auch die rechtlichen Rahmenbedingungen und die Ausgestaltung an vielen Arbeitsplätzen. Auch hier gilt das Entweder-Oder-Prinzip: wenn frau das unbedingt will, kann man sie nicht daran hindern. Rücksicht auf ihre Situation darf sie aber nicht erwarten. Das Mutterschutzgesetz, dass auch die Rechte von stillenden Müttern regelt, hilft hier nicht viel weiter, zwar sichert es Müttern besondere Stillpausen zu, geht aber zu wenig auf die unterschiedlichen Bedürfnisse von Müttern und Säuglingen ein. Optionen wie Homeoffice oder Coworking mit Baby sind weiterhin nur selten vorhanden. Insgesamt gilt es als Privatvergnügen, wenn Mütter im ersten Lebensjahr berufstätig sein wollen. Diese Zuschreibung teilen sich diese Mütter übrigens mit denen, die länger als ein Jahr zu Hause bleiben wollen.
Dabei hätte es gerade Deutschland nötig, sich im Bereich der Familienfragen von allen Dogmen zu verabschieden, denn gerade die deutsche Elternschaft ist – verglichen mit vielen unserer Nachbarländer – sehr heterogen, was Einstellungen, Erziehungsstile und Werte angeht. Wir brauchen niemanden, der uns sagt, was richtig ist, sondern jemanden, der uns unsere Wege so gehen lässt, wie wir sie gehen wollen.

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