Auf den Spuren der niedrigsten Geburtenrate der Welt III

Heute: Elternfeindlichkeit

Ja, ich werde irgendwann über Kinderfeindlichkeit schreiben, denn darüber gibt es bedauerlicherweise viel zu sagen, hier bei uns in Deutschland. Aber heute nicht, heute möchte ich über etwas schreiben, was damit sehr verwandt ist – Elternfeindlichkeit. Aus aktuellem Anlass sozusagen, obwohl der Anlass eigentlich immer aktuell ist. Dennoch war es eine kleine Unterhaltung auf Twitter, die mich gerade zu diesem Beitrag motiviert hat.
Auf Twitter ging es dabei um den neuen Modeausdruck für engagierte Eltern (oder seien wir ehrlich, für engagierte Mütter), das Biedermeiern. Irgendwann wurde die Verbform der Zeitspanne zwischen Wiener Kongress und bürgerlicher Revolution einmal eingeführt, um gesundheitsbewusste Life-Style Eltern im Berliner Ortsteil Prenzlauer Berg zu beschreiben. Mittlerweile wird er immer dann verwendet, wenn es darum geht, mütterliches Engagement innerhalb ihrer Familie abzuwerten, besonders dann, wenn dieses Engagement darauf abzielt, es für die Familie in irgendeiner Weise behaglich und gemütlich zu machen. Marmelade kochen = biedermeiern, weniger Arbeit, mehr Familienleben = biedermeiern, Nudeln mit selbstgemachter Bio-Bolognese = biedermeiern, fantasievoll erdachter Kindergeburtstag, statt Kino und Mc Donalds = biedermeiern – ich denke, Sie können mir folgen.
Nun werden einige von ihnen sagen, dass ein Kind nichts davon braucht, um glücklich aufzuwachsen und da werde ich ihnen sogar Recht geben. Aber schaden wird es sicher auch nicht und ganz gewiss haben Eltern es eigentlich nicht nötig, sich aufgrund ihrer Vorlieben in persönlicher Lebensführung labeln, verhöhnen und beleidigen zu lassen.
Biedermeiern ist dabei ja nur ein Begriff von vielen. Wir hätten dann noch die immer wieder aufs Neue durchs Dorf gejagten Helicopter-Eltern oder aber die klassischen Rabeneltern – das sind diejenigen Personen mit Kindern, die einer Berufstätigkeit nachgehen und ihre Kinder derweil von anderen Menschen betreuen lassen.
Wer glaubt, das seien jetzt eigentlich keine Beleidigungen und man dürfe halt einfach nicht so empfindlich sein, dem empfehle ich an dieser Stelle einmal eine genauere Studie der öffentlichen Debatten um das Betreuungsgeld – ich bin mir sicher, da werden auch Sie Ausdrücke finden, die den Tatbestand der Beleidigung einwandfrei erfüllen.
Irgendwann hörten Selbstverständlichkeiten auf, selbstverständlich zu sein und aus zahlreichen Gründen ist Elternsein kein fester Bestandteil eines Lebenskonzepts mehr. Das ist okay, denn nicht jeder möchte das und nicht für jeden wäre es gut, sich für eine sehr lange Zeitspanne um kleine Wesen kümmern zu müssen. Elternsein wurde also zu einer bewussten Entscheidung – und diese wurde angreifbar. Nicht nur die Entscheidung, überhaupt Kinder zu bekommen, sondern auch die Art und Weise, wie man das Leben mit ihnen gestalten möchte. Glücklicherweise leben wir in einer Gesellschaft, die uns auf diesem Gebiet eine Vielzahl von Möglichkeiten bietet – doch nicht jeder scheint mit dieser Pluralität von elterlichen Lebensentwürfen umgehen zu können. Ja und wie das so ist, wenn man mit etwas nicht umgehen kann und wenn man nicht aushalten kann, was einem selbst fremd ist: man negiert es. Man macht es nieder, wertet es ab und beleidigt diejenigen, die danach leben.

Eltern scheinen auf diesem Gebiet eine besonders große Angriffsfläche zu bieten. Beim Thema Kinder großziehen und ins Leben begleiten, glaubt jeder, mitreden zu können und so kommt es, dass heutige Eltern von allen möglichen Seiten ins Kreuzfeuer geraten.

Da sind zum Beispiel die Eltern von gestern, diejenigen, die sich entspannt zurücklehnen können, denn ihre Aufgabe ist beendet. Sie haben es geschafft, ihre Kinder mehr oder weniger sorgsam in die Welt zu schubsen und haben es den Bedingungen, die sie vorfanden, entsprechend gemeistert. Nun sitzen sie da – und zeigen mit dem Finger auf die heutigen Eltern, die in ihren Augen nicht nur alles anders, sondern vor allem alles falsch machen. Die Eltern von heute sind zu inkonsequent, sie sind lasch, haben keine Regeln mehr, achten nicht mehr auf Anstand und Höflichkeit und aus der Generation, die sie erziehen, kann ja nichts werden. Es ist immer dieselbe Leier – seit etwa 5.000 Jahren.

Als nächstes hätten wir da dann die kinderlosen. Auch sie wissen ganz genau, wie das eigentlich gehen würde, mit dem Familienleben und den Kindern und wenn sie von ihren schicken Balkons in ihren Designer-Gartenmöbeln sitzend, zu uns herab sehen, wissen sie, dass sie das niemals so machen würden, wie wir. Glasklar – unsere Kinder nerven, sie sind verwöhnt, anstrengend, ungehorsam und laut – und schuld daran sind wir Eltern, siehe oben. Abgesehen davon ist unser Leben schlicht bedauernswert, uns fehlt die Zeit für hippe Freizeitbeschäftigungen, tolle Urlaube und lange Partynächte. An normale Gespräche mit uns ist schon gar nicht mehr zu denken, immerhin haben wir unseren Verstand im Kreissaal gelassen und unser Horizont reicht von hier, bis zur nächsten vollen Windel. Sie sehen, auch diese Gruppe weiß bestens Bescheid.

Doch der härteste Beschuss, liebe Eltern, kommt weder von den jungen Kinderlosen, noch von den Alten in der nachfamilialen Phase – es ist das friendly fire unserer eigenen Leute, dass am schärfsten, am erbarmungslosesten auf uns abgefeuert wird. Es sind die Abwertungen, die Geringschätzungen und es ist die Arroganz derjenigen, die, genau wie wir selbst, Kinder ins Leben begleiten, es aber eine Nuance anders tun, als wir. Es ist die 40 Stunden berufstägige Mutter, die gegen die wettert, die nur 20 Stunden arbeitet (oder umgekehrt), es ist die Hausfrau, die sich über die Karrierefrau aufregt, es sind die Tragetuch-Eltern, die einen strafenden Blick auf die Eltern mit Kinderwägen werfen, es sind die Fertiggericht-Fans, die sich über Marmelade kochende Mamas aufregen. Es sind die Eltern vom Land, die die Stadt-Kindheit abschätzig kommentieren und es sind die Mütter mit den selbstgebastelten Laternen, die über die gekauften der anderen Kinder lästern. Es sind die Eltern, die sich gegenseitig labeln, abschätzen und fertig machen. Das wir unseren Kindern dabei ein mieses Beispiel an Toleranz und Weltoffenheit geben, ist nur ein Punkt daran, der uns zum Nachdenken bringen sollte. Dass wir dadurch auch nicht gerade gelungene Werbung für das Lebensmodell des Elternseins machen, ist ein zweiter.

Elternsein bedeutet heute – wie zu allen Zeiten – eine riesige Verantwortung, einen hohen Einsatz der eigenen Ressourcen, jede Menge Freude – und auch wenn es anders wirken mag, ist es noch immer die normalste Sache der Welt. Wir Eltern haben es nicht nötig, uns und unseren Lebensweg kritisch beäugen zu lassen, denn wir sind die Experten für unser eigenes Leben und unsere eigenen Kinder. Niemandem steht es zu, dies in Frage zu stellen. Statt uns zu kritisieren, sollte man sich mit uns freuen, dass wir die Möglichkeit haben, so zu leben, wie wir das gern möchten und an den Stellen, an denen das nicht funktioniert, sollte man empathisch und hilfsbereit sein, statt wertend und selbstgerecht.

Ich bin übrigens eine Helicopter-Mutter, ich biedermeiere – und ich bin eine Rabenmutter – und das ist auch gut so!

Advertisements

2 thoughts on “Auf den Spuren der niedrigsten Geburtenrate der Welt III

  1. mal wieder ein toller beitrag! worüber ich die ganze zeit nachdenke: ist das friendly fire wirklich ein parently fire – oder ist es nicht vielmehr ein motherly fire?

    Like

    • Weiß nicht. Ich erlebe mehr und mehr Väter, die unglaublich selbstgerecht in diesen Diskussionen mitmischen, die vorher klassisch mommywars waren. Es scheint, als würde die Gleichstellung auch hier greifen 😛

      Like

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s