Auf den Spuren der niedrigsten Geburtenrate der Welt IV

Heute: Kinderfeindlichkeit

Kurz nachdem die neuste Studie zur Geburtenrate in Deutschland veröffentlicht worden war, schrieb die Nido-Redakteurin Susanne Lange auf Nido.de den Artikel: „Ein Kind, bitte nicht schießen.“ Was zugegeben etwas reißerisch klingt, basiert auf einer traurigen, wahren Begebenheit, denn in Berlin wurde vor einigen Monaten ein Kind lebensgefährlich verletzt, als ein Mann mit einem Luftgewehr aus dem Fenster auf spielende Kinder schoss. Dies ist der bisherige Höhepunkt einer Eskalationskette von kinderfeindlichen Aktionen.
Gewehrschüsse, Rasierklingen im Sandkasten oder angezündete Kinderwagen in Hausfluren sind natürlich Taten von geistig verwirrten Einzeltätern. Die ganz normale, alltägliche Kinderfeindlichkeit hingegen hat in Deutschland Methode. Sie ist in unserer Gesellschaft akzeptiert, weil über viele Jahrzehnte gewachsen und sie hat etwas mit unserer Grundeinstellung zu Kindern zu tun. Diese werden hierzulande noch immer als störende Wesen empfunden.
Zum ersten Mal Kontakt mit dieser Art der Diskriminierung unseres Nachwuchses hatte ich, lange bevor ich selbst Kinder hatte. Mein Mann und ich hatten zu Silvester ein Pauschalangebot in unserem Lieblingshotel gebucht. Am ersten Abend nahmen wir zusammen mit allen anderen Gästen an einem Abendessen teil und verspeisten ein Menü, so lecker wie es nur in diesem einen Hotel sein kann. Mit an unserem Tisch saßen zwei andere Paare – ein älteres und eins in unserem Alter. Zwei Tische weiter saßen zwei Familien mit insgesamt fünf Kindern und zwei davon waren noch Babys. Während ich mich freute, dass es anscheinend auch mit Kindern noch machbar war, ein solches Wochenende zu verbringen, war das ältere Ehepaar am Tisch weniger beglückt. Zuerst störten sie sich am angeblichen „Getobe“ der älterern Kinder vor der Tür. Diese rutschten nämlich voller Wonne über zugefrorene Pfützen. Später waren es die Babys, die sie erzürnten. Dass man sie überhaupt mitgenommen habe, so die Frau, sei unfassbar dumm, denn Kinder gehören nicht in eine Abendgesellschaft, sondern ins Bett. Als eins der beiden dann auch noch zu weinen begann, empfand sie dies als Zumutung und tat das auch laut kund. Ich hätte dem Vorfall wohl keine weitere Beachtung geschenkt, hätte nicht das jüngere Paar am Tisch ins gleiche Horn geblasen. Ich war damals unglaublich erschrocken – und das sollte sich bis heute noch viele Male wiederholen.
Lange dachte ich, ich hätte einfach nur Pech und würde regelmäßig an die 2% Idioten des Landes geraten, doch mittlerweile weiß ich, dass dies nicht so ist. Zahlreiche Erzählungen im Freundeskreis und im Internet zeigen, dass Kinderfeindlichkeit in Deutschland nicht nur weit verbreitet, sondern auch in großen Teilen der Gesellschaft akzeptiert ist. Die CSU-Politikerin Dorothee Bär rief aufgrund eines ähnlichen Erlebnisses die Facebook-Gruppe „Schreiendes Balg“ ins Leben.
Doch es sind nicht nur die Lokale, die neuerdings neben Raucherzonen auch kinderfreie Zonen einrichten oder die stillenden Mütter, die irgendwo rausgeworfen werden. Kinderunfreundlichkeit ist in Deutschland viel tiefer verankert und begegnet uns täglich und auch oft an den Orten, an denen es Kindern eigentlich gut gehen sollte. Kürzlich wurde ich Zeugin, als ein Schwimmlehrer ein weinendes Kind unter Wasser tunkte, weil dieses nicht tauchen wollte. Abhärtung, sagte er, das brauchen unsere Kinder. „Gebocke“ sei das, wenn ein Kind nicht tauchen wolle und man dürfe keinen Meter nachgeben, sonst habe man verloren. Das Bild vom kleinen, manipulativen Wesen, das seine Tränen als Waffe einsetzt, ist unter Pädagogen noch immer verbreitet. Man kann es in Kitas hören, wenn die Kinder morgens Abschiedsschmerz haben, viele junge Mütter hören es von ihrem Umfeld, wenn sie sich um die Bedürfnisse ihrer Babys kümmern. Wir finden diese Ansicht unter Lehrern, Erziehern, Vereinstrainern und sogar unter uns Eltern –und die wenigsten meinen es böse. Vielmehr handelt es sich hierbei um tradierte Erziehungsvorstellungen, die sich sehr hartnäckig halten. Erstmals einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht, wurden diese Thesen und die daraus resultierenden Lösungsvorschläge wie „Abhärtung“, „schreien lassen“ und „nicht nachgeben“ im Erziehungsratgeber: „Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind“ von Johanna Haarer. Haarers Ratgeber erschien in den 1930er Jahren und war eng an die Ideologie des Nationalsozialismus angelegt. Die Ärztin forderte Mütter darin zur Härte gegen ihre Kinder auf und prägte das Bild kleiner Tyrannen, deren Willen gebrochen werden müsse.
Natürlich waren solche Vorstellungen keine Neuerfindung des Nationalsozialismus, auch im Kaiserreich waren Disziplin und Unterordnung oberste Erziehungsziele, die gerne auch mit körperlicher Gewalt durchgesetzt wurden. Kein Wunder, denn zu beiden Zeiten bedurfte es Menschen, die zur bedingungslosen Unterordnung bereit waren. Diese erschuf man sich, indem man von Anfang an mit Härte gegen alle eigenen Bedürfnisse vorging – selbst gegen die von neugeborenen Babys. Mütter dazu zu bringen, gegen ihre Instinkte zu handeln und ihre frisch geborenen Säuglinge nächtelang weinen zu lassen, ihnen nur alle paar Stunden die Brust anzubieten oder ihre Kleinkinder zu schlagen – das bedurfte einiges an manipulativer Arbeit. Diese konnte nur gelingen, indem man klarstellte, dass diese Wesen, die frau da geboren hatte, mitnichten süße, kuschelige und hilfsbedürftige Menschenkinder waren, sondern Ungeheuer. Kleines Monster, die erst noch zum Mensch gemacht werden musste und deren gefährlichen Trieben man nicht nachgeben durfte. So gelang es, das Feindbild „Kind“ zu erschaffen – und Reste dieser Gehirnwäsche kann man bis heute in den Kinderbildern deutscher Erwachsener finden.
Verwunderlich ist das nicht, wenn man sich vor Augen führt, dass nicht nur Haarers Ratgeber noch bis in die 1980er Jahre verlegt wurde (mit kleinen Änderungen), sondern dass in der Folgezeit zahlreiche Erben Haarers auf den Plan getreten sind, die ähnliche Ansichten vertreten und zu ebenso erbarmungsloser Härte ratem – an den Grundvorstellungen änderte sich wenig, auch wenn aus Strafen irgendwann Konsequenzen und aus Regeln Grenzen wurden.
Heutige junge Erwachsene tragen somit einen schweren Rucksack mit sich: er ist vollgepackt mit schwarzer Pädagogik in allerlei Ausprägungen, die über mindestens drei Generationen gepflegt – und erst seit sehr kurzem hinterfragt wurde. Wer sich heute für Kinder entscheidet, bedient sich glücklicherweise immer seltener den Werkzeugen, die er in diesem Säckchen findet und doch fällt es den meisten schwer, die haarersche Altlast gänzlich abzulegen. Wer erzieht, verfällt automatisch immer wieder in Muster, die er selbst kennengelernt hat. Ohne es zu wollen, bedienen wir uns Wörtern, Drohungen oder Methoden unserer eigenen Kindheit und so konnte über Generationen weitergegeben werden, was nie hätte existieren sollen. So konnten Ansichten und Methoden transportiert werden, die einst eine Gesellschaft hervorbrachte, der es an allem mangelte, was wir unseren Kindern heute mitgeben wollen. Eine Gesellschaft, der es an Mitleid fehlte, an Offenheit, an Zivilcourage, an Respekt vor dem Leben, an Individualisten und Menschen, die frei denken und handeln konnten.
Heutige Eltern sind sich größtenteils darüber bewusst, dass sie ihre Kinder anders ins Leben begleiten wollen. Leicht macht man es ihnen indes nicht, ihren Weg zu finden. Zu sehr ist das Umfeld noch in alten Denkmustern gefangen. Zu oft richten sich dieselben alten Vorwürfe an Eltern und zu deutlich ist das Bild der Tyrannen und Störenfriede noch immer verankert in unserer Gesellschaft und zu leicht lassen wir Eltern uns verunsichern – und so können weiterhin Schwimmlehrer vor unseren Augen weinende Kinder ins Wasser tunken und sich dabei gut fühlen.
Abgesehen von den Verletzungen, die Kindern heute noch immer ungestraft zugefügt werden dürfen – allen Rechten auf gewaltfreie Erziehung zum Trotz – zeichnet unsere Gesellschaft aufgrund solcher Einstellungen ein unglaublich düsteres Bild von der nachwachsenden Generation. Hervorgehoben wird der Ärger, der Lärm und der Dreck, das Störende an Kindern eben – und nicht, was für eine Bereicherung sie für unser Leben sind. Viel zu selten erfährt man, was Kinder uns lehren, was sie uns geben und wie sie uns helfen können, unsere tiefschwarzen pädagogischen Prägungen zu überkommen – wie wir an ihnen und mit ihnen wachsen können und welche Freude es sein kann, sie ins Leben zu begleiten.

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