Lasst uns laut sein!

Mein letzter Beitrag hier ist vom August. Vom August! Und wir haben Januar. Irgendwie zeigt dies die Krux des Problems mit der Vereinbarkeit. Diejenigen, die die eigentlich wichtigen Dinge zu diesem Thema zu sagen hätten, schweigen oft, weil sie vollständig damit beschäftigt sind, zu vereinbaren, nicht zu vereinbaren, an der Vereinbarkeit zu scheitern oder über die Unvereinbarkeit des eigenen Lebens zu verzweifeln.

Stattdessen reden andere. Jutta Allmendinger zum Beispiel. Sie redet von 32-Stunden Wochen, als sei dies die Lösung aller Vereinbarkeitsprobleme. Als hätten wir nach einer 32 Stunden dauernden Arbeitswoche alle Zeit der Welt, um die Dinge, die im Leben sonst noch von Bedeutung sind, ruhig und besonnen anzugehen. Als würde eine 32-Stunden Woche unsere chronisch leeren Kraftreserven wieder füllen und als würden sich Dinge wie Hausarbeit, Betreuung kranker Kinder, emotionale Krisen und die Betreuung älterer Angehöriger locker leisten lassen, wenn Mann und Frau sich alles gerecht innerhalb ihrer 32 Stunden Woche aufteilen.

Natürlich kann man argumentieren, dass eine Reduzierung der üblichen Wochenarbeitszeit um 8 Stunden pro Person besser ist, als nichts. Natürlich kann man darauf hinweisen, dass es doch hierbei vor allem um das heere Ziel der Gleichberechtigung von Mann und Frau geht und darum, die Frauen vor den Risiken eines Daseins als Hausfrau und Mutter zu bewahren. Kann man, wenn man Jutta Allmendinger ist. Wenn man bereits eine Professur inne hatte, als das erste (und einzige) Kind kam und wenn der ebenfalls professorale Mann die Vereinbarkeit an vier Tagen in der Woche mit freundlicher Unterstützung von Nannys gemeistert hat. Man kann das wunderbar sagen, wenn man selbst nicht wirklich oft in die Verlegenheit kam, wochenlang nach maximal drei Stunden Schlaf pro Nacht am nächsten Morgen wieder arbeiten zu gehen. Wenn man selten neben einem fiebrig glühendem Kind im Bett lag und sich gefragt hat, wie das bloß am nächsten Tag funktionieren soll, wenn man selbst einen wichtigen Vortrag halten muss und der Mann auf Dienstreise in der Hauptstadt ist. Dann kann man 32 Stunden als das neue Vollzeit ausrufen und so tun, als seien die Dinge damit geritzt.

Frau Allmedinger gehört einer Frauengeneration an, deren Lebensthema die Gleichstellung von Mann und Frau ist – und die gleichen Karrieremöglichkeiten für beide Partner. Für ihren Weg – als pendelnde Mutter, die ihr Kind nur drei Tage die Woche sah – musste sie sich oft beleidigen lassen. Ein bitteres Schicksal, dass sie mit der Handvoll Karrieremütter teilt, die ihre Generation hervorgebracht hat. Dass dieselbe Frau, die diese Diffamierungen ertragen musste, heute der Meinung ist, dass Hausfrauen heute öffentlich niedergemacht werden können, weil sie schließlich ein objektives Risiko eingehen, zeigt das Problem, das wir haben, wenn wir zulassen, dass vor allem Frauen wie Frau Allmendinger laut sind, wenn es um Fragen der Vereinbarkeit geht.

Jutta Allmendinger hat den Müttern meiner Generation heute wenig zu bieten – denn unser Lebensthema ist ein anderes. Es ist Zeit. Es ist die Zeit, die uns wie Sand durch unsere Finger rinnt, die uns wegläuft und der wir immer einen Schritt hinterher hecheln. Es ist dieser Zustand, der uns heutigen Müttern die Luft zum Atmen nimmt. Modernere Arbeitsteilungen in Familien, die es ja in der Realität immer häufiger gibt, haben dies meiner Erfahrung nach nur wenig abgemildert, denn in diesen Konstellationen hecheln nun beide – und tragen beide Risiken.

Für 2016 wünsche ich mir, dass diejenigen laut sind, die wirklich vom neuen Vereinbarkeitswahn betroffen sind. Ich wünsche mir, dass diejenigen ihre Geschichten erzählen, die nicht alles leicht und locker optimieren können. Ich möchte diejenigen hören, die andere Wege eingeschlagen haben. Wo seid Ihr Hausfrauen und Teilzeit-Angestellte? Ihr am Vormittag oder am Abend freiberuflich Tätigen? Wo seid Ihr, die Ihr es tatsächlich geschafft habt, nicht gleichzeitig, sondern nacheinander Kinder und Karriere zu meistern? Wo seid Ihr Väter, die beschlossen haben auszusteigen und ein anderes Leben, jenseits von Chefetagen und Dienstreisen zu leben? Wo seid Ihr alle, die Ihr die “Risiken” bereitwillig tragt, für die Politik und Gesellschaft heute glauben, euch auslachen zu dürfen? Wo seid Ihr, die Ihr täglich Eure Angehörigen pflegt statt im Meeting zu sitzen? Wo sind Eure Geschichten? Wo ist Eure Stimme?

Ich möchte euch bitten, 2016 nicht länger leise zu sein, nicht länger alles mitzumachen und nicht länger zu glauben, ihr wärt mit Euren Einstellungen, Sorgen und Nöten allein. Es gibt mehrere Möglichkeiten, laut zu sein. Beispielsweise bei familiy unplugged, einem Projekt mehrerer Journalistinnen und Journalisten, die die Vielfalt von Familienleben in Deutschland und die unterschiedlichen Probleme sichtbar machen wollen.

Aber auch ich möchte Euch im neuen Jahr ein Forum geben. Erzählt mir Eure Geschichten, ich schreibe sie auf – oder noch besser – schreibt sie selbst auf. Schickt mir Eure Gastbeiträge, und ich werde sie veröffentlichen. Helft mir dieses Jahr dabei, eine echte Unvereinbarkeitsdebatte zu führen.

Lasst uns laut sein! Ich brauche Euch, denn das vergangene Jahr hat gezeigt, dass ich es nicht alleine schaffe. Ich bin genau wie Ihr einfach nur eine Mutter, die ein bisschen arbeitet, viel Familie macht und deren Tag nur 24 Stunden hat. Aber genau wie viele von Euch habe ich genug davon, dass Andere wissen, was gut für mich ist. Ich möchte nicht mehr auf die vermeindlichen Risiken von Familienarbeit hingewiesen werden, ich möchte, dass mir jemand hilft, diese zu minimieren. Ich möchte nicht mehr für meine Entscheidungen kritisiert werden, sondern möchte, dass sie anerkannt werden.

Ich freue mich auf Euch und wünsche Euch und Euren Familien ein frohes und gesundes Jahr 2016 – mit Zeit und Liebe, denn das sind die zwei Dinge, die Familien tragen.

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5 thoughts on “Lasst uns laut sein!

  1. Interessanter Artikel, den ich voll unterschreiben kann! Hab mittlerweile erwachsene Kinder , die im Studium sind und möchte die gemeinsame Zeit , die ich mit ihnen verbringen durfte,nicht missen!

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  2. Ich stimme zu. Habe mit einem Kind Teilzeit gearbeitet, mit 2 Kindern wurde es schon schwieriger. Einen Aspekt vermisse ich noch in dem Artikel: wie gelingt der Wiedereinstieg, wenn die Kinder erwachsen sind? Man bekommt dann zu hören: ach, Sie haben ja jahrelang nicht gearbeitet..auch gute akademische Abschlüsse nutzen da nicht viel.

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    • Liebe Angelika,

      das stimmt, das ist ein Aspekt, der total spannend ist und zu dem ich unbedingt was schreiben muss. Gern möchte ich dazu einfach Beispiele bringen. Portraits von tollen Frauen, die das geschafft haben. Ich bin gerade noch auf der Suche und hoffe, dass ich das im Laufe des Jahres nachliefern kann. Ein bis zwei Kandidatinnen habe ich schon in Aussicht.

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  3. Ich kann Deinen Beitrag ebenfalls nur unterschreiben und habe mich auch schon oft darüber geärgert, was von Frau Allmendinger kommt. Es scheint mir nicht in meine Lebenswirklichkeit zu passen.

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