Selbst ist das Kind

Ich bin bei Facebook. Die meisten von Ihnen wahrscheinlich auch und bestimmt haben auch Sie Menschen in Ihrer Freundesliste, die Gelegentlich nostalgische Kindheitserinnerungen teilen. Meist nicht ohne dabei mit dem Finger auf die heutigen Kinder zu zeigen. Diese, so lerne ich im Internet, gehen nämlich nicht mehr auf Spielplätze, sind überhaupt nicht mehr draußen und beschäftigen sich in ihrer Freizeit hauptsächlich mit ihren Smartphones.
In der Tat ist es so, dass Spielplätze in meiner Gegend häufig leer sind. Nun kann ich mich nicht mehr so ganz genau daran erinnern, ob das in meiner Kindheit wirklich so viel anders war, aber eins weiß ich sicher: das heute am frühen Nachmittag wenige Kinder draußen unterwegs sind, hat weniger mit der Erfindung des Smartphones zu tun, als vielmehr mit neuen Alltagsstrukturen. Kinder verbringen heute nämlich viel mehr Zeit in Institutionen – sei es in Krippen, Kitas, Horts oder Ganztagesschulen.

Aber unsere Kinder sind nicht mehr nur kaum noch im sozialen Raum unterwegs, sondern Studien belegen, dass ihre Alltagskompetenzen mehr und mehr abnehmen. Kinder und Jugendliche tun sich demnach schwer mit einfachsten Dingen: Pudding kochen oder ein Spiegelei, Bahnfahrkarten am Automaten kaufen oder Handgriffe im Haushalt. Reflexartig wurde nach dem Bekanntwerden einer solchen Studie im vorletzten Jahr nach der Verantwortung der Schule geschrien. Diese soll – am besten im Ganztagesbetrieb – nun neben dem Fachwissen auch noch diese fehlende Alltagskompetenz vermitteln.

Auf die Idee, dass man solche Kompetenzen am besten woanders erwirbt – nämlich im Familienalltag – kam keiner.
Ich finde es schwierig, von unseren Kindern zu erwarten, dass sie sich zum einen mehr im sozialen Raum bewegen und zum anderen Alltagskompetenzen besitzen, wenn wir ihnen zu beidem eigentlich gar nicht mehr die Möglichkeit geben.

Die kindliche Aneignung des sozialen Raums kann man sich in etwa wie eine Landkarte vorstellen. Irgendwo ist ein Punkt, der für das Kind eine sichere Insel – in den meisten Fällen das Elternhaus – markiert. Dieser Punkt dient als Mitte für immer größer werdende Kreise, die sich das Kind während seiner Kindheit aneignet. Das kann mit dem eigenen Garten oder dem Innenhof beginnen. Geht weiter zu den Häusern in der Nachbarschaft, vergrößert sich zum Spielplatz und zum Kiosk um die Ecke, schließt irgendwann den Schulweg ein und dann vielleicht den selbständigen Weg zum Sport oder zur Musikschule. Erst am Ende der Kindheit oder zu Beginn der Jugendphase weitet sich dieser soziale Raum über die Grenzen des Dorfes oder Stadtteils hinaus aus und schließt beispielsweise den öffentlichen Nahverkehr mit ein.

Für eine sichere Bewegung von Kindern und Jugendlichen im sozialen Raum ist es wichtig, dass diese Schritte nacheinander stattfinden und dass für jede Radiusvergrößerung ausreichend Zeit vorhanden ist. Erst wenn ein Kind in seinem sich angeeigneten Radius genügend Selbstsicherheit erworben hat, wird es diesen erweitern. Grundvoraussetzung für die ersten Schritte – hinaus in den Garten oder in die Nachbarschaft – ist aber, dass der Mittelpunkt, die sichere Insel, besetzt ist. Hier wird dann das Problem deutlich, das wir haben, wenn wir Kindheit immer mehr institutionalisieren und doppelte Vollzeitarbeit beider Eltern als Lebensideal ausrufen. Die sichere Insel ist dann zu den Zeiten unbesetzt, zu denen sich das Kind Raum aneignen könnte. Stattdessen ist das Kind unter pädagogischer Aufsicht, und Ausflüge nach draußen finden nur im Rahmen von geführten Touren zusammen mit Erwachsenen statt. Die Selbstsicherheit im Rahmen eines eigenen Radius erhört sich nicht.

Genauso ist es mit dem Alltagswissen. Wenn wir der Schule tatsächlich aufbürden, dieses nun auch noch zu vermitteln, überfordern wir nicht nur die Institution. Wir verfremden Alltäglichkeiten auch, indem wir sie abstrakt und ohne alltäglichen Bezug vermitteln. Wenn wir wollen, dass Kinder alltagskompetent sind, dann müssen wir ihnen auch Alltag geben – zusammen mit ihren Eltern. Wir müssen Familien Zeit geben, um miteinander zu leben, zu arbeiten, zu kochen und unterwegs zu sein.

Wenn wir wollen, dass Kinder sich irgendwann sicher und selbständig im sozialen Raum bewegen, müssen dafür sorgen, dass sie dort auch sein dürfen und dass ihre Inseln besetzt sind. Wir sollten darüber diskutieren, welche Arbeits- und Familienmodelle es möglich machen, dass an mehreren Tagen innerhalb der Arbeitswoche Eltern und Kinder zu Uhrzeiten zu Hause sind, zu denen es selbst im Winter noch hell draußen ist. Damit tun wir uns und unseren Kindern einen riesigen Gefallen. Denn letztlich schenkt uns jeder Schritt in die Unabhängigkeit, den unsere Kinder machen, wieder mehr Freiheit für eigene Projekte.

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One thought on “Selbst ist das Kind

  1. Danke für so einen tollen Text! Er spricht mir richtig aus der Seele. Es gibt einfach Grundkompetenzen, die sollten innerhalb der Familie erzogen werden, für alles andere gibt es dann Kita, Kiga und Schulen. Ist doch klar, dass eine völlig von der Arbeit geschlauchte Mama abends um 18h lieber schnell den Pudding alleine kocht, als ihrem Kind zu zeigen wie es geht, dabei zuzuschauen wie es in Sorgfalt und Schneckentempo das Puddingpulver unter die Milch rührt – dafür hat sie doch weder die Zeit, noch die Geduld nach einem anstrengenden Tag, um es mal übertrieben darzustellen ;).

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