Schlaf, Kindlein, schlaf: Nachtgedanken zur Vereinbarkeit

Heute möchte ich ganz konkret werden. Oft wird über die Schwierigkeiten von Beruf und Familie eher schwammig berichtet. Wir neigen bei diesem Thema dazu, nur wage Thesen darüber anzuführen, warum die Vereinbarkeit von Kindern und Karriere eigentlich nicht gehen kann. Die wahren Gründe liegen nämlich oft in unseren ganz persönlichen und alltäglichen Strukturen, die wir nur ungern mit der Öffentlichkeit teilen. Ich möchte das heute trotzdem wagen.
Nun ja, ich hatte letzte Nacht zwischen drei und fünf die Gelegenheit darüber genauer nachzudenken, während ich meine Tochter in meinen Armen hin und her wiegte und versuchte, sie wieder zum Schlafen zu bringen. Während ich das tat, wusste ich, dass ich am nächsten Tag an meinem Schreibtisch sitzen müsste, am besten fit und ausgeruht, in jedem Fall aber im Vollbesitz meiner geistigen Kräfte. Meine Vorgesetzten interessiert es nämlich nicht, ob ich in der Nacht zuvor acht, sechs oder vier Stunden geschlafen habe. Sie haben mich eingestellt, damit ich Studierende berate, Konzepte erstelle, für die Lehrenden ansprechbar bin, meinen beruflichen Blog fülle, gute Vorträge halte und Veranstaltungen organisiere.
Mittlerweile ist meine Tochter vierzehn Monate alt ist. Die Zahl der kurzen Nächte geht langsam aber sicher zurück, und ab und zu schaffen wir schon einmal sechs bis sieben Stunden Schlaf am Stück. In den ersten sechs Lebensmonaten war es jedoch bei all meinen Kindern so, dass ich sie mehrfach pro Nacht gestillt habe. Glücklicherweise hatte ich zu dieser Zeit das Privileg, zu Hause zu sein und ab und zu, wenn alle drei Kinder mich ließen, mal ein halbes Stündchen auf dem Sofa zu dösen. Auf jeden Fall erwartete in dieser Zeit niemand von mir, dass ich weltverändernde Konzepte auf den Weg bringe oder im Wust verschiedenster Veranstaltungsplanungen den Überblick behalte. Das neue Elterngeld plus jedoch, das zu seiner vollen Entfaltung vor allen Dingen dann kommt, wenn beide Elternteile sich sofort im Anschluss an den Mutterschutz alles teilen, scheint Schlafprobleme in den ersten Lebensmonaten nicht zu kennen.
Da drängt sich wirklich eine Frage auf: Schlafen ministeriale Kinder, von denen es ja mittlerweile tatsächlich einige gibt, soviel besser als das deutsche Durchschnittskind? Andrea Nahles zum Beispiel hatte sich schon wenige Wochen nach der Geburt darüber gefreut, dass ihre Tochter so gut schläft. Etwas härter hatte es unsere ehemalige Familienministerin Kristina Schröder getroffen, denn sie traute sich immerhin im Nachhinein zu zugeben, wie erschöpft sie manchmal nach einer solchen Nacht war, wenn am nächsten Tag ihr voller Einsatz erwartet wurde. Überhaupt ist es so, dass Frau Schröder nach dem Ende ihrer Ministerinnenzeit sehr ehrlich mit den Anstrengungen ihrer Mehrfachbelastung umging. Dafür wurde sie vor allem von Frauen stark kritisiert. Kein Wunder, wer will schon hören, dass die „Alles-ist-möglich-These“ an natürliche Grenzen im Rahmen der Mutterschaft stößt?
„Ja aber“, brüllt das Vereinbarkeitslager einem dann entgegen: „warum müssen denn immer nur die armen Mütter aufstehen, das können doch auch die Väter machen!“ Wo sie recht haben, da haben sie recht, die Damen von der Vereinbarkeitsfront. Väter können genauso aufstehen und Babys durch den Raum tragen und in den Schlaf wiegen. Mein Mann hat das auch oft genug getan, selbst in Zeiten seiner Vollzeitberufstätigkeit. Nur eins hat er beim besten Willen einfach nicht hinbekommen: einen anständigen Milcheinschuss. Das liegt wahrscheinlich an seinen Machogenen und daran, dass ich es aus Gründen des maternalgatekeepings nicht zugelassen habe, dass auch er stillt, denn spätestens seit Lohaus und Scholz wissen wir doch, „Papa kann auch stillen“ (kann er zwar auch im gleichnamigen Buch nicht, er trägt der Mutter nur das Baby hinterher, aber es hört sich ja besser an, das zu behaupten).
Wie auch immer, es scheint in deutschen Haushalten oft genug so zu sein, dass Frauen nachts die Sorgearbeit für das Baby übernehmen, besonders solange dieses noch von Muttermilch ernährt wird. Dies ist mitunter ganz schön anstrengend. Stillratgeber und Hebammen empfehlen den Frauen für diese Zeit daher eine ausgewogene Ernährung, viel trinken, frische Luft für Mutter und Kind und schlafen, wann immer sich die Gelegenheit dazu ergibt.
Merken Sie was? Da steht nichts von „lean in“ oder einem vollzeitnahen Teilzeitjob, und das hat auch seine Gründe. Sich um ein Baby zu kümmern ist anstrengend, und das reicht für eine ganze Weile als Aufgabe.
Suggeriert wird uns jedoch etwas anderes, nämlich dass man nur an ein bis zwei Stellschrauben zur Elternzeit und zur durchschnittlichen Wochenarbeitszeit drehen muss, und schon darf es für Mütter kein Problem mehr sein, sich mit ordentlicher Stundenzahl wieder in den Job zu knien, noch bevor sich das Baby das erste Mal vom Rücken auf den Bauch gedreht hat. Schaffen Mütter das trotz garantierter 32-Stunden Woche und Elterngeld plus nicht, ist es ihre eigene Schuld, und sie müssen die Konsequenzen dafür tragen.
Eine fatale Entwicklung, denn sie setzt Frauen enorm unter Druck. Statt die anstrengenden ersten Jahre ihres Daseins als Mütter zu entschlacken, werden diese mehr und mehr vollgestopft, und noch schlimmer: Diese Mehrfachbelastung wird für alternativlos erklärt. Beteiligen sie sich nicht daran, so wird ihnen suggeriert, sie seien nach wenigen Jahren nicht mehr für den Arbeitsmarkt zu gebrauchen, von der Absicherung, die sie dann nicht haben, ganz zu schweigen. Dass es diejenigen, die ihnen diese düsteren Zukunftsbilder mit auf dem Weg geben auch in der Hand hätten, die Umstände für sie zu ändern, verschweigen sie leider meistens.

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