Neun Monate 50:50 Elternschaft – ein Fazit

In wenigen Tagen ist es so weit: Unsere Zeit als Eltern, die sich Erwerbs- und Familienarbeit 50:50 aufteilen, endet. Zumindest vorläufig, denn man weiß ja nie, was im Leben noch kommt. Zu den Gründen, es an dieser Stelle enden zu lassen und erst einmal ein traditionelles Modell zu leben, habe ich bei Family unplugged ja bereits einiges geschrieben. Heute möchte ich ein persönliches Fazit ziehen und unsere Erfahrungen mit diesem Modell schildern.

Die Rahmenbedingungen: Wir haben uns dafür entschieden, ab dem 7. Lebensmonat unserer Tochter je 20 Stunden pro Woche zu arbeiten. In Absprache mit unseren Arbeitgebern haben wir uns das so aufgeteilt, dass jeder von uns zwei volle Tage im Büro ist (er dienstags und freitags, ich mittwochs und donnerstags) und wir uns an einem weiteren Tag wochenweise abgewechseln (er arbeitet in geraden Wochen montags, ich in ungeraden). In den ersten Monaten habe ich noch fast voll gestillt und deshalb viel im Homeoffice gearbeitet. Wenn mein Mann gearbeitet hat, war er von morgens halb acht bis abends halb sieben aus dem Haus, weil er einen langen Fahrtweg hat. Zu betreuen waren neben unserer kleinen Tochter auch noch unser Sohn, der im Sommer eingeschult wurde und unsere mittlere Tochter, die bis mittags einen Kindergarten besucht. Unterstützt wurden wir von einer Oma vor Ort und von den zwanzig Minuten entfernt wohnenden anderen Großeltern.

Die Motivation: Eine bindungsorientierte Elternschaft war uns von Anfang an beiden wichtig. Unsere Kinder wurden estillt, viel getragen und durften im Familienbett schlafen. Zur Bindungsorientierung gehört unserer Meinung nach auch, dass Kinder in den ersten zwei bis drei Lebensjahren einen gewissen vertrauten, überschaubaren Rahmen haben, in dem sie wachsen dürfen. Das muss nicht unbedingt von früh bis spät die Mutter sein, auch der Vater eignet sich selbstverständlich bestens, genau wie die Großeltern, die wir glücklicherweise alle in der Nähe haben und zu denen enger und regelmäßiger Kontakt im Familienalltag besteht. Hätten wir diesen nicht gehabt, wäre es für uns auch in Frage gekommen, eine liebevolle Babysitterin oder Tagesmutter stundenweise in den Betreuungsalltag mit einzubeziehen.
Fest stand allerdings, dass auch unser drittes Kind nicht in eine Krippe gehen sollte.
Wir wollten beide gern trotz drei kleiner Kinder in unseren Berufen bleiben, aber auch gerade im ersten Lebensjahr viel Zeit mit den Kindern verbringen. Das Modell, dass wir dafür insgesamt 40 Stunden in der Woche außer Haus arbeiten und diese 20/20 zwischen uns aufteilten, gefiel uns daher sehr gut und wir entschieden uns, dies erst einmal bis zum 16. Lebensmonat unserer Tochter auszuprobieren.

Fazit:
Wir sind in das Erlebnis 50:50 gestolpert, ohne es vorher exakt zu planen. Im Voraus abgesprochene Aufgabenverteilung oder gar Tabellen mit festgeschriebenen Tätigkeiten gab es bei uns nicht. Wer daheim ist, erledigt einfach alles, was anfällt: Betreut das Baby, holte die Mittlere vom Kindergarten, kontrollierte die Hausaufgaben des Großen und nutzte kurze Pausen, um beispielsweise zu putzen. Den Einkauf erledigt entweder der, der sowieso unterwegs ist oder wir planen einen großen Wocheneinkauf am Samstagvormittag. Bereits vor seiner Elternzeit hat mein Mann unsere Wäsche größtenteils allein übernommen, und das blieb auch so, genau wie die täglichen Mahlzeiten größtenteils schon immer in meiner Verantwortung liegen.
Wir leben schon lange zusammen und hatten vor dieser Elternzeit bereits zweimal Babys und wussten daher, dass wir uns vertrauen konnten und keine weiteren Regeln brauchten. Für uns als Paar passte das wunderbar, und ich würde das jederzeit wieder so mit meinem Mann regeln.
Überhaupt ist die häusliche Phase für uns beide ein Bereich, den wir als sehr erfüllend erleben. Dadurch, dass immer jemand zu Hause ist, ist unseren Alltag gerade sehr entschleunigt. Besonders für unseren Großen empfinden wir das in der Umbruchphase vom Kindergarten zur Schule als große Erleichterung. Wir sind froh, dass wir das so intensiv begleiten können und da sind, wenn er mittags mit seinen Geschichten nach Hause kommt, wir genießen es, ihm bei den ersten Buchstaben über die Schulter zu schauen und mit ihm die ersten kleinen Texte zu lesen. Die ersten 15 Lebensmonate unserer jüngsten Tochter so eng zu begleiten, ist besonders für meinen Mann ein großes Geschenk. Während ich das schon zweimal erleben durfte, war das intensive Begleiten eines Babys für ihn neu.

Anders sah jedoch die Realität im zweiten Teil unseres Lebens aus, dem Arbeitsalltag. Während sich meine Arbeit aufgrund fähiger Mitarbeiterinnen noch relativ gut delegieren und koordinieren ließ, kam mein Mann häufiger ins Straucheln. Schon bald wurde deutlich, dass es für eine Führungskraft zu wenig ist, manchmal nur zwei Tage pro Woche im Büro anwesend zu sein. Darüber hinaus gibt es in unseren beiden Jobs Aufgaben oder Menschen, die sich nicht auf unsere festen Wochentage schieben ließen und so kam es, dass wir gelegentlich doch die Großeltern einschalten mussten, um unserer Arbeit gerecht zu werden.

Doch obwohl eine Lehre aus der Elternzeit meines Mannes ist, dass sich Teams nur schwer in 16 Wochenstunden Anwesenheit führen lassen und vielleicht auch nicht in 20, haben die letzten Monate gezeigt, dass es durchaus auch mal ohne Chef funktioniert – denn meistens klappte ja doch alles irgendwie. Seine Elternzeit ist also am Ende doch ein Plädoyer für eine gesunde Abwesenheitskultur selbst in der Führungsebene.

Überrascht war ich allerdings von einer bisher unentdeckten Seite meiner Mama-Persönlichkeit. Anscheinend neige ich doch zum „maternal gatekeeping“ – denn immer wieder erwische ich mich dabei, auf meinen Mann neidisch zu sein, wenn er zuerst den nächsten Buchstaben unseres Sohnes gesehen hat oder Zeit mit den beiden Mädchen verbringen darf, während ich arbeiten muss. Obwohl mir mein Job wirklich sehr viel Freude macht, hätte ich an manchen Tagen lieber das Bad geputzt, wenn das bedeutet hätte, dass ich im Gegenzug auch meine drei plappernden Schätzchen beim Mittagessen um mich herum habe. (Es gab selbstverständlich auch Tage, an denen es umgekehrt war, aber sie waren tatsächlich in der Minderheit…).

Viele halten das 50:50 Modell für das Elternmodell der Zukunft. Ich sehe das jedoch nicht ganz so euphorisch. Für uns hat es in der derzeitigen Situation sehr gut gepasst, doch mir fallen spontan einige Paare ein, bei denen ich mir das aus verschiedenen Gründen schwieriger vorstelle.
Eine Grundvoraussetzung für das Gelingen dieses Modells ist meiner Meinung nach die gegenseitige Wertschätzung und der Grundgedanke, dass Familien- und Erwerbsarbeit gleichwertig sind. Darüber hinaus müssen Paare sich zu 100 Prozent aufeinander verlassen können, sonst kann aus 50:50 schnell eine ernsthafte Belastungsprobe für die Beziehung werden. Zu guter Letzt braucht es eine ganze Menge Spaß. Man muss Freude haben, sowohl am Job, als auch am Familienleben, nur dann macht es Sinn, sich in ein Abenteuer zu stürzen, in dem beide Seiten einiges von einem abverlangen.
Damit es überhaupt möglich ist, braucht es aber wie immer die Unterstützung von Arbeitgeber und Kollegen – und ich glaube an diesem Punkt gibt es in Deutschland auch nach wie vor die meisten Baustellen.

Unsere geteilte Elternzeit endet nun – und während ich das schreibe wird mir klar, dass unsere geteilte Elternschaft nicht enden wird. Wir haben uns schon immer als Team gesehen, dass die zahlreichen Aufgaben rund um das Familienleben gemeinsam wuppt. Zu diesen Aufgaben zählt das Geldverdienen genauso, wie Haus, Hof und Kinder in Ordnung zu halten und das teilen wir uns weiterhin auf Augenhöhe – nur eben in anderer Gewichtung.

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