Frühkindlicher Bildungswahn

In Hessen stehen bald Kommunalwahlen an, und wenn man aufmerksam die Tagespresse und das Internet verfolgt, kann man sich ein Bild von dem machen, was die unterschiedlichen Parteien und Wählergemeinschaften in ihren Orten zukünftig erreichen wollen. Ein Thema, das in meinem Heimatort gerade emotional diskutiert wird, ist die Frage, ob unsere Kitas zukünftig für Eltern beitragsfrei sein sollten.
In der Begründung, die verschiedene Listen und der Gesamtelternbeirat für diese Forderung liefern, findet sich ein Absatz, der mir Bauchschmerzen bereitet. Es wird davon gesprochen, dass eine Gebührenfreiheit für Kitas ein erster Schritt zur Gleichstellung von Kindertagesstätten mit Schulen und Universitäten sei.
Hier stellt sich mir die Frage: Wollen wir das wirklich? Was wären die Konsequenzen einer Gleichstellung von Kindertagestätten mit Schulen?
Dass Kindertagesstätten einen Bildungsauftrag haben, bestreitet heute sicher niemand mehr ernsthaft. Besonders wenn man sich anschaut, wie hoch die Anforderungen an die Vorschularbeit sind, die im letzten Kindergartenjahr geleistet werden soll, wird deutlich, wie stark sich die frühe Kindheit in den vergangen Jahren hin zu einer bildungszentrierten Lebensphase gewandelt hat. Bisher geschieht diese Bildung unserer Kleinsten jedoch mehr oder weniger freiwillig. Es sind die Eltern, die entscheiden, wie viel Vorschulbildung den Kindern zukommen soll und ob diese überhaupt in den Genuss kommen sollten. Eine Gleichstellung der Kindertagesbetreuung mit Schulen würde aber streng genommen auf kurz oder lang eine Kitapflicht beinhalten. Dass dies in Teilen deutscher Regierungs- und Oppositionsparteien ein gut vorstellbares Szenario ist, hat man den Diskussionen der letzten Jahre häufiger entnehmen können. Glücklicherweise sind solche Vorstellungen jedoch derzeit weder auf Bundes- noch auf Landesebene salonfähig.

Aber nicht nur die Frage, ob unsere Kinder an frühkindlichen Bildungsprogrammen teilnehmen sollen oder nicht, würde uns bei einer Gleichstellung mit der Schule aus der Hand genommen, wir Eltern hätten darüber hinaus auch zukünftig nur noch wenig Einfluss auf die Ausgestaltung des Bildungsplanes. Wenn wir die Hauptaufgabe der Erwachsenen in der frühkindlichen Lebensphase von Betreuung und Erziehung in Bildung umdefinieren, verlieren wir Eltern das Monopol ihrer Ausgestaltung an den Staat. Keine der derzeit politisch verantwortlich agierenden Parteien hat sich nun in den letzten zehn Jahren dadurch hervorgetan, besonders kinderfreundlich zu erscheinen. Denn das meiste, was uns derzeit als Familienpolitik verkauft wird, ist in Wirklichkeit entweder Gleichstellungspolitik oder Arbeitsmarktpolitik. Ich schreibe das in diesem Zusammenhang wertfrei, denn ich bin natürlich der Meinung, dass sowohl das eine, als auch das andere wichtig für unsere Gesellschaft ist, aber ich würde mir wünschen, dass es auch so benannt werden würde und sich nicht den Deckmantel geben würde, irgendwie für Familien oder vielleicht sogar für Kinder gemacht zu sein.
Nun möchte ich mir aber tatsächlich nicht ausmalen, zu was politische Akteure noch im Stande wären, wenn man ihnen die – von Olaf Scholz bereits vor Jahren geforderte – Lufthoheit über die Kinderbetten geben würde. Bereits jetzt herrscht ein regelrechter Optimierungswahn der Lebensphase Kindheit. Wirtschaft und Politik versuchen schon heute, möglichst viel Einfluss auf das zu bekommen, was in Kindergärten „gelehrt“ wird. Ein Vormittag im Matsch, nur um des Matschens Willen, entspricht nicht mehr den modernen Standards. Vielmehr sollen die Kinder anhand des Matsches schon im zarten Alter von drei Jahren chemische und biologische Prozesse begreifen. Wer alles bereits heute durch verschiedenste Maßnahmen versucht, auf pädagogische Konzepte in Kindertagesstätten Einfluss zu nehmen und welche Lobby hinter dem einen oder anderen gerade angepriesenen Kita-Programm steckt, das hat Herbert Renz-Polster in seinem lesenswerten Buch „Die Kindheit ist unantastbar“ wunderbar dargestellt. Er spricht sich dafür aus, das kindliche Spielen als Selbstzweck zu retten und unsere Kinder dem Einfluss von zwanghaften Bildungsoptimierern möglichst zu entziehen. Ich gebe ihm Recht. Schon jetzt fehlt unseren Kindern oft die Zeit für selbstvergessenes Spiel oder ungestörtes Bewegen im sozialen Raum. Dabei weiß man eigentlich längst, dass genau diese kindliche Freiheit, ungestört in Fantasiewelten abzutauchen und aus Langeweile Kreativität zu entwickeln, den größten Beitrag zu einem gesunden und aufnahmefähigen Aufwachsen bildet.
Wer allen Ernstes fordert, dass der Kita ein Bildungsauftrag zukommen sollte, der mit dem der Schule vergleichbar ist, der sollte sich darüber im Klaren sein, dass er damit nicht weniger als die Kindheit unserer Kinder aufs Spiel setzt.

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2 thoughts on “Frühkindlicher Bildungswahn

  1. Vorweg: Ich bin für gebührenfreie Kitas. Vor allem auch, weil es eigentlich Teil von Arbeitsmarktpolitik und nicht Familienpolitik ist (darin stimm ich mit Dir überein). Ich finde aber – weiter gedacht – schon die Schulpflicht problematisch. Das ist komplex, dann natürlich finde ich Bildung wichtig. Ich habe in dieser Hinsicht keine Antworten, nur Fragen. Ich würde mir flexiblere Schulen wünschen, Lernorte, an das kindliche Interesse ausgerichtet (und die Kinder die ich kenne, WOLLEN lesen und rechnen lernen…) und trotzdem Raum fürs Kind sein, nicht für Tests und Diktate…

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  2. mir geht die von dir erwähnte bildungsoptimiererei auch auf den keks, total! du hast völlig recht: es geht ums freie spielen, nicht ums lernen beim spiel. ich habe irgendwann mal gehört, dass freispiel in einer kita “offene lern- und bildungsphase” genannt wird. ich dachte ich hör nicht richtig.

    allerdings habe ich das gefühl, dass der bildungswahn eher von den eltern als von der einrichtung kommt – so zumindest meine subjektive erfahrung aus dem innenleben zweier kitas. die englischkurse dort (no comment!) gibt es in der einen kita als angebot des fördervereins, in der anderen auf wunsch der eltern, finanziert duch einen extrabeitrag.

    zur gebührenbefreiung von kitas habe ich hier noch einen klugen gedanken gelesen, der mir vorher gar nicht so klar war (nämlich wer am ehesten der nutznießer ist): https://inkladde.wordpress.com/2014/08/06/freie-kitagebuhr-in-hamburg-wer-profitiert/

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