Habt ihr nicht was vergessen?

Ich musste mich schon sehr wundern, als ich gestern im Publikum saß, während unsere regionale Tageszeitung die drei Bürgermeisterkandidaten unserer Gemeinde auf dem Podium hatte. Nacheinander wurden die Herren zu vorher festgelegten Themenblöcken befragt: Es ging um Wohnraum und Fachwerk, den Verkehr und um die Wirtschaft im weitesten Sinne. Gut informiert war hinterher also, wer in diesem Bereich sein kommunales Herzensanliegen hatte. Wer aber, wie ich, tausend Themen im Kopf hat, die das Leben von Familien in unserer Gemeinde betreffen, der ging leider leer aus.

Kein Wort zu Kitagebühren, Bildungsplänen, Spielplätzen, Hortbetreuung oder Freizeitangeboten. Niemand sprach den Betreuungsschlüssel im U3 Bereich an, der nach wie vor nicht dem entspricht, was Experten für ein gesundes Wachsen von Kindern empfehlen. Niemand sprach über die Notsituationen, die regelmäßig in den Betreuungseinrichtungen entstehen, wenn mal wieder eine Krankheitswelle durch den Ort schwappt. Niemand erwähnte, dass sich in meinem Heimatort gerade eine absolut perverse Form der Wohlstandsverwahrlosung ausbreitet, die sich dadurch äußert, dass immer mehr Eltern ihre kranken Kinder mit Fiebersaft oder Durchfallmittel gedopt in die Kitas schicken. Die Gemeinde reagiert darauf im Jahresrhythmus lediglich mit einem freundlichen Brief, der die Eltern auffordert, ihrer Erziehungsverantwortung nachzukommen und ihre kranken Kinder daheim zu betreuen – und der verpufft jährlich im Sand – niemand fragte, ob man da nicht eigentlich mehr tun müsste.
Niemand sprach an, dass die DLRG seit Jahren Alarm schlägt, weil immer mehr Kinder in der vierten Klasse noch nicht richtig schwimmen können. Wir sprachen zwar über interkommunale Zusammenarbeit, aber nicht darüber, wie man Kaufunger Familien den Besuch von Schwimmbädern in anderen Kommunen erleichtern kann. Wir sprachen über einen Radweg zum Nachbarort – unerwähnt blieb, dass unsere Eltern dorthin fahren müssen, um ihre Kinderärzte aufzusuchen, weil wir keine mehr im Ort haben und dass es noch immer keine Busverbindung zwischen den Orten gibt. Dabei war die Vermeidung sinnloser Autofahrten durchaus ein Thema.
Was müssen die örtlichen Erzieherinnen wohl gedacht haben, die zahlreich zur Diskussion erschienen waren und feststellen mussten, dass sie und ihre Arbeit, ihre Sorgen und Nöte anscheinend für niemanden ein Thema sind – zumindest ganz sicher nicht für die beiden Diskussionsleiter? Diese beendeten die Fragerunde der Zuschauer nach nur vier Fragen und verblödeten das Publikum danach lieber mit Satzergänzungen und Quizfragen auf Privatsender Niveau. Auf diese Art wollten Sie die Veranstaltung dann schnell und lustig ausklingen lassen. Das verhinderte dankenswerterweise eine mutige junge Dame – meine Heldin des Abends. Mit gerade einmal 19 Jahren traute sie sich, in der mit 450 Personen voll besetzen Halle ans Mikrophon zu stürmen und darum zu bitten, noch eine Frage stellen zu dürfen. Das Thema Jugendarbeit hatte sie in der Diskussion nämlich zu Recht vermisst. Dass alle drei Kandidaten zu diesem Thema einiges zu sagen hatten, lässt hoffen. Hoffen darauf, dass die Belange von Eltern, Kindern und Jugendlichen ihnen mehr am Herzen liegen, als sie in dieser Runde zeigen durften.

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