Ist das hier Feminismus?

Ist das hier Feminismus?
Bin ich eigentlich eine Feministin? Bis vor einigen Jahren hätte ich diese Frage mit einem lauten JA beantwortet, dabei die Faust geballt und die Schwestern zum Marsch zu Sonne und Freiheit aufgerufen.
Denn natürlich sind mir die Rechte von Frauen wichtig. Enorm wichtig sogar. Ich sehe, dass Frauen weltweit einfach nur aufgrund ihres Geschlechtes benachteiligt werden. Ich sehe, dass Frauen Gewalterfahrungen machen müssen und dass es immer noch Männer gibt, die die biologische Tatsache, dass sie Frauen meistens körperlich überlegen sind ausnutzen, um Frauen ihren Willen aufzuzwängen, in allen Bereichen des Lebens – vor allen Dingen auch im Bereich der Sexualität. Wir hier in Deutschland haben Gesetze dagegen, die Frauen schützen sollen und wir haben leider viel zu viele Männer, die sich über eben solche Gesetze hinweg setzen. Die Tatsache, dass es Frauenhäuser geben muss, damit Frauen und Kinder sich vor Männern verstecken können, sollte den Herren der Schöpfung unendlich peinlich sein! In anderen Ländern dieser Welt gibt es weder Frauenhäuser, noch Gesetze, die Frauen schützen, ganz im Gegenteil, Gewalt gegen sie ist gesetzlich legitimiert. Frauen werden dort nach wie vor von gesellschaftlicher Teilhabe ausgeschlossen und sind Menschen zweiter Klasse. Dagegen anzugehen, solche Missstände jeden Tag wieder aufzuzeigen, das halte ich für eine Bürgerpflicht – von Männern und von Frauen.

Bin ich deshalb eine Feministin? Im Moment würde ich eher sagen, ich bin eine freie Bürgerin mit einem halbwegs gesunden Gerechtigkeitsempfinden. Aber Feministin?
Ich gestehe, die Frauen, die derzeit die öffentliche Debatte des Feminismus prägen, schrecken mich ab. Ja, manche ekeln mich sogar an. Dabei sind mir viele ihrer Gedanken gar nicht so fremd. Einige teile ich sogar und dennoch fühle ich mich in dieser Bewegung außen vor und nicht repräsentiert.
Denn ich bin Mutter und dummerweise bin ich das sogar noch gern. Ich kann weder bei #regrettingmotherhood mitreden, noch gibt es derzeit Grund, auf meinen patriarchalischen Ehemann zu schimpfen. Meine Kinder gehen mir (vom normalen Maß, das jede Mutter kennt abgesehen) nicht auf die Nerven und mich hindert gerade keine gläserne Decke am beruflichen Weiterkommen. Ich habe mich für ein Leben entschieden, das im Feminismus, wie er derzeit nach außen repräsentiert wird, nicht vorkommen darf. Ich habe die 50/50 Option, die ich mit meinem modernen Partner gelebt habe, nach nur neun Monaten wieder über Bord geworfen, weil ich festgestellt habe, dass es mich unglaublich zufrieden macht, wenn ich mittags ein warmes Essen kochen darf und es mit den Kindern nach Schule und Kindergarten am heimischen Küchentisch einnehmen kann. Ich habe festgestellt, dass mein Weg zur Sonne und zur Freiheit mich durch Legosteine und Wäscheberge in den frühjahrsbesonnten heimischen Garten führt und dass das der Ort ist, an dem ich genau jetzt sein will. Ich habe ein Leben gefunden, das mich zufrieden und glücklich macht und ich habe außerdem gemerkt, dass es auch das Richtige für den Rest meiner Familie ist, wenn ich dort eine Weile verweile.
Sicher nicht für immer – aber für mehr als nur einen kleinen Moment. Anstatt Bewunderung dafür, dass ich meinen Weg gefunden habe und den Mut mitbringe, ihn zu gehen, ernte ich Kritik. Niemand fragt mich, was ich mir jetzt gerade von der Frauenbewegung wünsche und wie man mir helfen kann, aber jeder sagt mir, was ich falsch mache. Ich habe gelernt, dass ich nun nicht mehr frei, sondern abhängig bin.
Ist das so? Ich finde, es ist eine interessante Frage, ob ich nun weniger oder mehr frei bin als andere Frauen. Auf den ersten Blick bin ich abhängig von meinem Mann, weil er mehr verdient als ich und ich mich (um mit Bascha Mikka zu sprechen) von ihm versorgen lasse. Auf den zweiten Blick ist das aber alles eine Frage der Definition: denn auch er ist abhängig von mir. Davon, dass ich unsere gemeinsamen Kinder versorge, während er arbeitet. Davon, dass ich ihm einen Teil seiner Verpflichtungen abnehme, wenn er eine Dienstreise, ein Meeting oder andere Aufgaben hat, die über die normalen Betreuungszeiten unserer Kita hinausgehen. Ich könnte nämlich auch nein sagen und dann müsste er sich etwas einfallen lassen. Die Vorstellung, dass mein Mann einfach gehen könnte, die Kinder und mich unabgesichert allein ließe und mit allem aus dem Schneider wäre, finde ich absurd. Neben der rechtlichen Komponente gibt es nämlich auch noch eine emotionale, die in der Diskussion wenig Platz hat – die Liebe zu den eigenen Kindern. Dass er gesetzlich die Möglichkeit dazu hätte, ist mir dennoch bewusst. Das Gesetz ist jedoch nicht vom Himmel gefallen, sondern wurde von Menschen gemacht – und von Frauen gefeiert, die sich Feministinnen nennen.

Auch ist der Abhängigkeitsbegriff meiner Meinung nach nicht allein auf den Ehepartner beschränkt. Wir sind alle mehr oder weniger von jemandem abhängig. Vom Arbeitgeber, vom Staat, von Kunden oder von der Gunst von Wählern. So frei sind auch die Frauen nicht, die mit einem guten Einkommen ihren Lebensunterhalt und den ihrer Kinder locker bestreiten können, sie sind nur anders unfrei. Sind sie unfrei? Bin ich unfrei? Ist eigentlich irgendjemand unfrei in unserer Gesellschaft? Diese Frage hat viele Dimensionen, nicht zuletzt philosophische und religiöse und sie hat viele Antworten. Ich finde, wenn wir über Freiheit und das richtige Frauenleben sprechen, sollten wir im Kopf behalten, dass Freiheit nicht für jeden das Gleiche bedeutet und dass niemand sich anmaßen kann, die Deutungshoheit darüber zu haben. Nichts desto trotz gibt es klare Kriterien von Unfreiheit, ich habe sie weiter oben benannt und diese sollten wir angehen.

Bin ich Feministin? Zumindest würde ich gerne mit den Schwestern zur Sonne und zur Freiheit marschieren, wenn wir uns einig sein könnten, dass Weg und Ziel sehr individuell sind. Anstatt mich auf Risiken hinzuweisen und mich für Entscheidungen anzufeinden, könnten sie auch fragen, wie man mir helfen kann und konstruktiv daran mitarbeiten, meinen Weg leichter zu machen. Umgekehrt tue ich das dann gerne auch für Lebensentwürfe, die für mich selbst keine Option wären.

Wäre es nicht eine tolle Vorstellung: eine Frau, die gern steil Karriere machen will, setzt sich dafür ein, dass ich im Falle einer Scheidung besser abgesichert bin, eine anständige Rente bekomme und vielleicht sogar ein paar Cent vom Staat kriege, um es finanziell etwas leichter zu haben. Im Gegenzug nutze ich mein Mehr an Freizeit, um mich auf kommunalpolitischer oder gesellschaftlicher Ebene dafür einzusetzen, dass sie für ihre Kinder die beste Betreuungsinfrastruktur bekommt, die man sich nur vorstellen kann – damit sie ihren Weg guten Gewissens gehen kann. Und gemeinsam kämpfen wir gegen strukturelle Diskriminierung, gegen Gewalt und für unsere Schwestern in Ländern, in denen Frauenrechte weiterhin nicht existieren. Am Ende eines solchen Tages wäre die Antwort auf die Frage, ob ich Feministin bin dann einfach: Ja, verdammt!

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