April – oder ein Protokoll des Scheiterns

Melanie von glücklich scheitern hat gefragt, ob wir im April an irgendetwas gescheitert sind und ich musste lachen. Es hätte besser in 140 getwitterte Zeichen gepasst, aufzuschreiben, woran ich diesen Monat nicht gescheitert bin. Raus damit, was war los, fragte die Bloggerkollegin – lasst uns scheitern salonfähig machen. Na dann mal los.

Meine beste Freundin und ich haben mittlerweile eine einfache Sprache gefunden, wenn es darum geht uns mitzuteilen, dass es gerade nicht so läuft. Nachdem wir irgendwann feststellten, dass Tage, die nicht unsere sind, sich häufig aneinanderreihen, wurde aus heute ist nicht mein Tages ist wieder Woche. Naja – und im April war Monat!

Ich weiß gar nicht mehr, wann es begann. Irgendwann, kurz nachdem die letzten Taschen unseres Großfamilienurlaubs auf Texel ausgepackt waren, die letzte Wäsche gewaschen und die letzte Urlaubsentspannung dem Alltagsstress gewichen war, diagnostizierte ich mir selbst eine extrem schlechte Laune. Der schlechten Laune folgte ein bakterieller Infekt, der wiederum dazu führte, dass ich einen lange geplanten Mädelsabend, für den ich unglaublich tolles Essen beisteuern wollte, absagen musste. Kaum genesen, fand ich mich in einem Strudel aus Alltagsverpflichtungen, Terminen und großen und kleinen Dramen wieder. Statt souverän durch die kleinen Aprilstürme zu segeln, scheiterte ich fröhlich (oder ehrlich gesagt ziemlich schlecht gelaunt) vor mich hin.

Ich scheiterte daran, meinen Erstklässler im Übergang von Ferien zu wieder Schule anständig zu begleiten. Ich scheiterte daran, ihn zu Hausaufgaben zu motivieren und ihm gut zuzureden. Ich scheiterte daran, meine Mittlere so zu nehmen, wie sie ist (im Moment ziemlich anspruchsvoll). Ich scheiterte jeden Morgen und jeden Abend an ihren Launen und meinen eigenen. Ich scheiterte an dem Anspruch, nett und freundlich mit ihr zu reden, respektvoll mit ihr und ihren (gerade ziemlich starken) Bedürfnissen umzugehen und in unserem Verhältnis auf Beziehung statt auf Drohungen und Konsequenzen zu setzen. Ich scheiterte daran, mich auf den Alltag mit Kleinkind einzulassen und zu akzeptieren, dass ich nicht so frei bin, wie ich es gerade gerne wäre.

Ich scheiterte an unserem Haushalt und an dem Anspruch, täglich eine einigermaßen ordentliche und saubere Wohnung zu haben. Ich scheiterte daran, die Kinder zur Ordnung in ihren Zimmern anzuhalten. Ich scheiterte daran, meine eigenen Sachen auszusortieren. Ich scheiterte daran, die Wäsche halbwegs zeitig zu sortieren.

Ich scheiterte daran, meine Unterlagen im Blick zu haben, meine Post zu lesen, auch die Langweilige und rechtzeitig diverse Formulare für diverse Ämter auszufüllen.

Ich scheiterte daran, eine gute Freundin zu sein, die da ist, wenn man sie braucht, die zuhört und ihre eigenen Probleme an die Seite packt und am Schicksal der anderen Anteil nimmt. Ich scheiterte daran, meinen straffen Alltag einfach mal fünf Minuten zu unterbrechen, mich ins Auto zu setzen, in den anderen Ortsteil zu fahren und ein Blümchen zu jemandem zu bringen, der es verdient hätte. Stattdessen pampte ich mich verständnislos durch WhatsApp und baute Mauern auf, wo eigentlich Nähe sein sollte.

Ich scheiterte daran, eine gute Enkelin zu sein und rief meine Oma im April nicht einmal an, obwohl ich ihr versprochen hatte, sie mindestens einmal abzuholen und den Tag mit ihr zu verbringen.

Ich scheiterte daran, meinem Mann eine gute Partnerin zu sein. Statt für ihn da zu sein, als es ihm schlecht ging, vergrub ich mich in Selbstmitleid und war total gut darin, ihm ein schlechtes Gewissen einzureden.

Ich scheiterte am Bloggen und mein einziger selbst geschriebener Beitrag war somit der Liebster Award.

Ich scheiterte daran, eine gute Christin zu sein, ich scheiterte daran, Nächstenliebe, Toleranz und Vergebung zu üben. Ich scheiterte daran, Jesus den Raum in meinem Leben zu geben, den er verdient hätte und merkte dabei nicht mal, dass genau das vielleicht mein persönlicher Ausweg aus diesem Dilemma gewesen wäre.

Apropos Vergebung. Scheitern für Außenstehende salonfähig zu machen ist total nett, weil es diesem Perfektionismuswahn etwas entgegensetzt, der uns gerade alle irgendwie gepackt hat. Scheitern für sich selbst salonfähig zu machen, ist aber noch viel wichtiger. Ich glaube, wir können uns nicht in Unperfektionismus üben oder zumindest nur sehr begrenzt, denn wir werden immer nach mehr streben, als wir gerade problemlos leisten können und das hat ja auch oft Sinn. Aber wir könnten uns darin üben, uns selbst mehr zu vergeben. Statt Wochen und Monate zu Protokollen des Scheiterns zu machen, könnten wir jeden Abend alles verzeihen, was nicht nach unseren Erwartungen lief und jeden Morgen neu anfangen.

Über das Scheitern sprechen, finde ich wichtig – denn gerade wir Mütter laufen sonst Gefahr, in einen gefährlichen Strudel aus fremden, aber vor allen Dingen eigenen Erwartungen zu geraten. Sich mehr auf das zu fokussieren, was funktioniert hat, ist aber noch wichtiger.

Für manche war ich im letzten Monat eine schlechte Freundin – aber für anderen auch eine ganz große Stütze in einer schwierigen Lage. Meine Unterlagen fliegen noch immer kreuz und quer, aber immerhin habe ich eine Idee, wie ich es zukünftig besser mache. Als mein Mann krank war (es war übrigens nur Männerschnupfen), war ich extrem verständniseingeschränkt, aber an anderen Stellen habe ich ihn diesen Monat ziemlich gut entlastet. Für den Blog habe ich tolle Gastautorinnen an Land gezogen, auf die ich echt stolz bin und zwischen Texel-Gepäck und Infekt hab ich noch einen Kindergeburtstag inklusive Schatzsuche gewuppt. Unser Haushalt wird nie so sein, wie er vielleicht bei manch anderer ist – aber hey, wir fühlen uns wohl und Besuchskinder dürfen sich bei uns richtig austoben. Letzteres haben sie im vergangenen Monat ziemlich häufig getan und ich habe alle lebendig und unversehrt wieder zu ihren Eltern zurück gegeben können (manchmal ist allein das doch eine Leistung).

Und meine eigenen Kinder – tja, ich war sicher oft nicht die verständnisvolle Mutter, die ich gern gewesen wäre – aber in einer Sache bin ich gut – darin mich zu entschuldigen. Ich hoffe einfach, dass ich ihnen allein durch das Eingestehen von Fehlverhalten im letzten Monat ein Vorbild war. Was alles andere angeht, sind wir sowieso frühestens in 20 Jahren schlauer. Außerdem sind sie satt, sauber, immer pünktlich dort, wo sie gerade sein müssen und sie stehen sicher gehalten und getragen im Leben.

Ihre Kinder sind sehr gut in der Schule angekommen, sagte uns die Lehrerin des Erstklässlers gestern, ich habe mit dieser Klasse keinen nennenswerten Probleme und ich glaube, beendete sie diesen Elternabend, das ist auch Ihr Verdienst, Sie alle, wie Sie hier sitzen, sind großartige Eltern.

Na also, dachte ich, so schlimm kann es ja dann doch nicht gewesen sein.

 

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