[Gastbeitrag] Von Korsetts und Wahlfreiheit

 

Und heute gibt es noch einen Gastbeitrag. Er stammt von Veronika und alles andere erzählt sie selbst:

 

Zu mir: Ich heiße Veronika Smoor, bin 41 Jahre alt und blogge seit vielen Jahren auf Die Smoorbaers. Die meiste Zeit bin ich daheim mit meinen zwei Mädchen, die mittlerweile 5 und 7 sind. Hm, ich dachte, je älter die Kinder werden, desto weniger brauchen sie mich. Da hab ich mich schwer getäuscht. Ich versuche also meine freischaffenden Tätigkeiten als Fotografin und Autorin mit Haushalt und Kindern unter einen Hut zu bekommen….

Letztens erhielt ich eine Email von einer Freundin aus dem tiefen Süden Deutschlands. Sie wohnt mit ihrem Mann und zwei kleinen Kindern in einer Stadt, die für ihre Innovationsfreude und „Hippiekultur“ bekannt ist. Ich freu mich immer, wenn sie mir schreibt, einfach weil sie ein toller Mensch ist. Sie hat sich entschieden, bei ihren Kindern zu bleiben, bis sie in den Kindergarten kommen.

Ihre Email schrie „Ich komme mir vor wie ein Alien!!! HILFE!!!“

Meine Freundin schrieb sich ihren ganzen Frust von der Seele. Sie ist die einzige Mutter in ihrem Umfeld, die noch daheim ist. Alle anderen sind nach wenigen Monaten an ihren Arbeitsplatz zurückgekehrt. Deren Kinder sind bis 16 Uhr in der Kita, Treffen auf dem Kinderspielplatz finden nicht mehr statt. Dort hockt meine Freundin dann alleine mit ihren Kids. Sie hat den Eindruck, viele Mütter haben sich einem gesellschaftlichen Druck gebeugt. Sie würden nicht in erster Linie aus Geldsorgen so früh wieder einsteigen, sondern weil man das halt jetzt so mache.

„Ich werde schräg angeschaut, weil ich daheim bei meinen Kindern bin.“ So lautete ihr Schluss-Satz.

Da weht uns Müttern ein Wind ins Gesicht, der einen einknicken lässt, wenn man sich ihm nicht fest entgegen stellt. Und ich spreche jetzt von den Müttern, die sich bewusst dafür entscheiden, daheim zu bleiben. Ich möchte mich gar nicht auf eine Pro- und Contra-Debatte einlassen. Es geht mir um Wahlfreiheit und Respekt vor der Wahl jeder Frau.

Wenn wir Frauen es nicht schaffen, zu dem zu stehen, wer wir sind und was wir in der tiefsten Tiefe unseres Herzens wollen, dann schaffen wir uns freiwillig ein Korsett, das uns ersticken und klein machen wird.

Schon während meiner ersten Schwangerschaft hatte ich mich entschieden daheim zu bleiben. Die Entscheidung war einfach, weil mich mein Job überhaupt nicht erfüllte. Mein Büro habe ich mit einem Freudenjuchzer gegen Wickeltisch, Stilleinlagen und viele (auch oft strunzlangweilige) Spielplatzstunden eingetauscht. Ich war plötzlich mein eigener Boss. Nun tja, nicht ganz. Eigentlich gaben meine Kinder den Tages-Rhythmus vor. Aber ich dachte immer nur: „Was habe ich für ein Glück, dass ich nun nicht für eine anonyme Firma arbeiten muss, sondern meine Arbeitskraft ganz in die Entwicklung meiner Kinder investieren kann!“ Während dieser Zeit stolperte ich des Öfteren über den englischen Begriff „Homemaker“. So bezeichnen sich Hausfrauen in den USA. Was für ein wunderbares Wort, das genau den Kern der Sache trifft! Ich begann mich heimlich als Homemaker zu bezeichnen: ein Heim schaffen, einen Hafen aus Geborgenheit, regelmäßigen Mahlzeiten, kreativen Stunden, Büchern, Musik, schönen Dingen und Pizza-Abenden.

Nebenbei – wie die Zeit es mir erlaubte- machte ich mich als Fotografin selbständig. Wenn ich nicht fotografierte, schrieb ich. Aufträge flatterten nach und nach ins Haus. Eine Kolumne hier, ein Buchprojekt da. Ich bin mein eigener Boss und kann mir meine Zeit frei einteilen, auch wenn das schon so manche Nachtschicht bedeutete. Sobald ich mich aber als „Homemaker“ stark einschränken muss, schreie ich STOPP! Dann nehme ich keine weiteren Aufträge an.

Was werden wir eines Tages in unserer Sterbestunde bereuen? Dass wir nicht genug Zeit in unsere Karriere investiert haben oder in die Menschen, die wir lieben? Werden wir uns selbst auf die Schulter klopfen, dass wir uns gesellschaftlichen Erwartungen gebeugt haben? Oder wollen wir uns stolz fühlen, dass wir unseren ureigenen Pfad gegangen sind?

Vor 100 Jahren haben Frauen sich vom Korsett befreit. Sie haben das Frauenwahlrecht erkämpft. Und nun wollen wir uns unser Wahlrecht wieder rauben lassen und uns in ein Korsett pressen lassen?

Als ich zur Welt kam, war Stillen gesellschaftlich verpönt. Milchpulver und Fläschchen waren en vogue. Meine Mutter hat alle ihre sechs Kinder eisern gestillt. Sie hat ihr eigenes Dinge gemacht, ist ihrem Herzen gefolgt, trotz eisigem Gegenwind. Als meine kleine Schwester mit einer lebensbedrohlichen Krankheit eine Woche im Krankenhaus bleiben musste, kam meine Mutter jeden Tag zum Stillen vorbei. Die Krankenschwestern belächelten sie und versuchten ihr, diese VÖLLIG VERRÜCKTEN Flausen auszutreiben. Aber sie blieb stur. Kopfschüttelnd wiesen die Schwestern ihr zum Stillen eine kalte Putzkammer zu.  Sie zeigten keinerlei Respekt für die Wahl meiner Mutter.

Die Zeiten und Moden werden sich immer ändern. Egal ob Korsetts, Stillen, früher Wiedereinstieg. Aber die Frage ist, ob wir Mütter den Zeiten blind folgen wollen. Oder ob wir unserem Herz, unserem ureigenen Instinkt vertrauen. Das kann für jede Mutter anders aussehen.

Ich wünsche mir so sehr, dass wir Frauen aufhören, uns gegenseitig in die Pfanne zu hauen. Sondern dass wir Respekt zeigen. Mit Respekt machen wir unser Gegenüber groß und setzen es frei. Frei zu wählen, frei aufrecht zu stehen, frei zu stillen, frei Fläschchen zu geben, frei zu arbeiten, frei daheim zu bleiben.

 

 

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7 thoughts on “[Gastbeitrag] Von Korsetts und Wahlfreiheit

  1. Pingback: Von Korsetts und Wahlfreiheit | Die Smoorbaers

  2. Pingback: Unvereinbarkeits-Debatte – himmlisch geerdet

  3. Mein Danke kommt aus tiefstem Herzen für diesen Beitrag. Ich bin Oma, und wurde immer wieder belächelt wenn ich mein Ding durchgezogen habe. Zwei, drei Jahre später, war diese Sachen im Trend. Wäre ich dumm gewesen nicht meiner Überzeugung und Instinkt nach zu leben.

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  4. Wunderbar geschrieben!! Ich habe meine voll ausgekostete Elterzeit geliebt und vermisse sie oft schmerzlich . In den USA gibt es neue Bewegung von Frauen, die an Eliteunis studiert haben und dann ganz bewusst “ Homemaker“ (z.B. Harvard Homemaker) werden. Das finde ich spannend.

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  5. Du hast vollkommen recht. Darüber hinaus wünsche ich mir, dass der Beruf der Homemakerin/des Homemakers viel mehr gesellschaftliche Anerkennung (vielleicht auch finanzieller Art) erfährt. Denn so in der Außenseiter-Nische ist es manchmal doch recht anstrengend.

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