Kinder in die Mitte #muttertagswunsch

Gestern war Muttertag – und ich mag ihn. Ich mag ihn, weil ich es als Kind immer unglaublich aufregend fand, meiner Mutter eine Freude zu machen. Das heimliche Basteln, das Lernen von Gedichten in der Schule und die Planung des Frühstücks zusammen mit meinem Vater haben mich Jahr für Jahr total begeistert. Jetzt, da ich selbst Mutter bin, genieße ich es, dieselbe Aufregung und Vorfreude bei meinen Kindern wahrzunehmen und natürlich bringe ich auch meiner eigenen Mama noch immer Blumen vorbei und freue mich, dass wir den Tag nun gemeinsam feiern können.

Trotz all dieser Freude habe ich jedoch Sympathie für eine Aktion, die den diesjährigen Muttertag im Netz begleitet hat. Das Hashtag #muttertagswunsch hat es nämlich sogar in die überregionale Presse geschafft. Dahinter verbergen sich Forderungen von Müttern an die Politik, die viele Bloggerinnen in den letzten Tagen in 140 getwitterte Zeichen oder längere Blogbeiträge gepackt haben.

Ich brauche nix Gebasteltes. Ich brauche Rentenpunkte, weil mich keiner mehr fest einstellt.

twitterte zum Beispiel die Bloggerin Christine Finke von Mama-arbeitet.

Ich brauche kein Frühstück ans Bett, ich brauche Steuerklasse 3

schrieb eine andere alleinerziehende Mutter und wies damit auf die ungerechte Behandlung von Single-Eltern im deutschen Steuersystem hin.

Es gab unzählige Tweeds, die aufzeigten, was für Mütter in unserem Land so alles schief läuft und diese kamen aus allen politischen Lagern. Während sich die einen mehr Kita-Plätze wünschen, hätten die anderen gern wieder ein Erziehungsgeld, um länger mit ihren Kindern zu Hause bleiben zu können. Auch die Wertschätzung von Familienarbeit war ein großes Thema, genau wie die Situation der Hebammen.

Ich habe auch mitgemacht. Meine Forderungen richten sich aber weniger an die Politik, als an die Gesellschaft als Ganzes.

Ich brauche keinen Muttertag, sondern eine mütter-,väter- und kinderfreundliche Gesellschaft.

oder

Anders gesagt, ich will eine Gesellschaft, die sich an Kindern freut, statt sie auszulagern.

Wir haben mittlerweile viele Strukturen geschaffen, in denen Kinder und manchmal auch deren Eltern sich aufhalten können. Nie hatte Kindheit so viel Raum in unserer Gesellschaft, wie derzeit. Viele dieser Räume, die für Kinder geschaffen wurden, sind gut. Sie erleichtern uns Eltern den Alltag und machen Kindern Freude. Problematisch werden all diese künstliche geschaffenen Räume aber, wenn Kinder nur noch darin Platz finden. Kinderabteile im Zug, Kinderspielzonen in Möbelhäusern, Kindergottesdienste in Kirchen oder Kinderbetreuung am Rande großer Events schaffen nämlich neue Selbstverständlichkeiten. Die Nutzung solcher Angebote wird von einer Option zur Pflicht. Eltern, die sie nicht nutzen, werden schräg angeschaut, angefeindet oder gar von Veranstaltungen ausgeschlossen. Kinderlärm im Zug scheint mittlerweile nicht mehr zumutbar zu sein und ein kindlicher Wutanfall im Supermarkt führte kürzlich sogar zum Rauswurf von Mutter und Kind.

Dass Eltern, wenn sie sich mit ihren Kindern im öffentlichen Raum bewegen, der Pflicht der Rücksichtnahme unterliegen, möchte ich mit diesem Beitrag nicht in Frage stellen. Selbstverständlich haben Kinder im öffentlichen Raum keinen Freifahrtschein und es liegt in der Verantwortung der Eltern, dafür zu sorgen, dass neben ihnen auch andere Spaß an Veranstaltungen haben können. Allerdings können wir Erwachsen auch nicht erwarten, dass Kinder sich wie kleine Kopien von uns verhalten. Sie sind Kinder. Sie sitzen nicht permanent still, sie sind nicht immer leise, wenn es vielleicht angemessen wäre und sie sind alles andere als unsichtbar, wenn sie dabei sind. Gleiches galt aber auch für den jungen Geschäftsmann, der mir kürzlich im Zug gegenüber saß. Als Stütze dieser Gesellschaft war er von Kassel bis Wolfsburg durchgehend wichtig. Sein Handy klingelte permanent und die restlichen Mitfahrer lernten auf dieser Fahrt viel über die Organisation der IAA und über die Probleme, die seine Abteilung derzeit mit den Diensthandys hat. Auch über die Körpermaße der neuen Praktikantin wissen wir nun  Bescheid. Wenn man sich ins Handyabteil des Zuges setzt, dann muss man damit leben und so kam auch keiner auf die Idee, den Leistungsträger dieser Gesellschaft um einen etwas angemesseneren Lautstärkepegel zu bitten.

Die junge Frau, die kürzlich mit drei zukünftigen Rentenzahlern an der Kassel des Möbelhaus-Restauruant stand, hatte da weniger Glück. Die Langsamkeit ihrer Kinder, die doch tatsächlich eine halbe Minute überlegten, ob sie lieber Wasser oder Saft hätten, brachte den Geduldsfaden der Dame dahinter zum Reißen. Warum sie hier stehen müsse und die Leute nerven, fragte sie die Mutter, man könne doch schließlich mit so vielen Kindern auch daheim essen. Die Kassiererin der angeblich so familienfreundlichen Kette sprang der Mutter nicht bei – wahrscheinlich ging es ihr auch zu langsam. Ich bin mir sicher, mein fliegender Autohändler aus Wolfsburg hätte sogar noch jemanden gefunden, der ihm sein Tablett zum Tisch trägt, wenn dieser in der Zeit noch schnell hätte einen Abgaswert durchfunken müssen.

Ich finde, es ist an der Zeit den Begriff Kinderfreundlichkeit noch einmal zu überdenken. Sind das wirklich die künstlichen Strukturen, die wir schaffen, um Kinder vom eigentlichen gesellschaftlichen Geschehen fern zu halten? Wäre nicht eine Gesellschaft kinderfreundlicher, die noch an Lärm, Langsamkeit und Bewegung gewöhnt ist, anstatt sofort total irritiert zu sein, wenn ein Kind irgendwo mitmischen will?

Endlich mal ein bisschen Leben hier, sagte kürzlich eine ältere Dame zu mir, nachdem meine achtzehn Monate alte Tochter während einer katholischen Messe ohne Unterlass durch die Gänge gelaufen war. Toll, dachte ich. Es gibt tatsächlich noch Menschen, die sich an Kindern freuen, statt sich gestört zu fühlen.

Ich möchte nicht falsch verstanden werden: ich bin dankbar über den Kindergottedienst in meiner evangelischen Kirchengemeinde, ich habe schon öfter gern das Eltern-Kind Abteil im Zug genutzt und meine Kinder lieben das Spielangebot in der besagten Möbelhauskette. Ich bin froh, dass es irgendwann Menschen gegeben hat, die sich all diese tollen Möglichkeiten ausgedacht haben. Wenn das aber irgendwann dazu führt, dass wir die gesellschaftliche Mitte komplett zur kinderfreien Zone machen und den Erwachsenen das Leben, das Kinder mit sich bringen, abgewöhnen, dann haben wir das Gegenteil von dem erreicht, was einst als Gedanke dahinter stand. Für Kinder geschaffene Strukturen sollten in erster Linie ein freundliches Angebot an diese und ihre Eltern sein und keine Zwangsräume, um den Rest der Gesellschaft vor ihnen zu schützen.

Ich wünsche mir eine Gesellschaft, die Kinder wertschätzt, achtet, annimmt und bei sich hat, statt sie zwangskonform machen zu wollen, ruhig zu stellen oder auszulagern. #muttertagswunsch

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