[Gastbeitrag] Die Herausforderung der Vereinbarkeit von Beruf und Familie aus Sicht einer bindungsorientierten Elternschaft.

Heute kommt ein Gastbeitrag von Anne. Anne ist 32 Jahre alt, Sozialpädagogin und Mutter von zwei leiblichen und derzeit noch einem Pflegekind.

Unser erstes Kind bekamen wir bewusst zum Ende meines Studiums, so konnte mein Mann weiter in seinem Beruf als Informatiker arbeiten und ich konnte meine letzten Arbeiten sowie meine Diplomarbeit von Zuhause aus schreiben und unser Baby betreuen. Wenn ich in die Uni musste, begleitete unser Sohn mich im Tragetuch. Vor allem die Diplomphase war schwer. So schwer, dass ich davon geträumt habe, für völlig banale Dinge und Grundbedürfnisse Zeit zu haben, ohne ein schlechtes Gewissen haben zu müssen.

Unser Sohn muss meine Anspannung gespürt haben und ist gefühlt immer aufgewacht, sobald ich mich wieder eingelesen hatte und gute Gedanken verschriftlichen wollte. Wir waren zu dem Zeitpunkt noch sehr “eins”. Er wurde noch fast voll gestillt, schlief im Familienbett und wurde komplett bedürfnisorientiert behandelt. Er brauchte sehr viel Nähe von mir und lies sich gerade bei Hunger und Müdigkeit nur von mir beruhigen. Auch abgepumpte Milch trank er nicht. Ihn keinen Schlafprogrammen oder ähnlichem auszusetzen, war für uns selbstverständlich. Auch erschien es uns perfekt ihm möglichst viel Nähe und immer sofortige Bedürfnisbefriedigung zu geben. Auch heute sehen wir dies noch so, aber natürlich machte es die Diplomphase schwierig.  Ich arbeitete immer sobald er geschlafen hat. Mittags, abends, nachts. Über Wochen hat er schlecht geschlafen. In der Endphaseging mein Mann morgens gegen halb 6 aus dem Haus um nachmittags zurück sein zu können, um unseren Sohn Zuhause zu betreuen, sodass ich am Schreibtisch arbeiten konnte. Glücklicherweise war sein Arbeitgeber flexibel genug um dieses Modell für ein paar Wochen mitzumachen. Als die Arbeit endlich abgegeben war, schliefen wir alle wieder normal und fuhren im “Vatermonat der Elternzeit” nach Südfrankreich. 4 Wochen Sonne, Strand und unsere kleine Familie. Die nächsten 1,5 Jahre blieb ich mit unserem Sohn zuhause. Unsere Haushaltskasse besserte ich kurzzeitig als Tagesmutter auf.

Wir entschieden uns dafür, dass unser Sohn “nur” halbtags in eine Kita gehen soll. Nach einer Eingewöhnungsphase ging er mit 3,5 Jahren in eine teiloffene Kita in unserem neuen Wohnort. Nun war ich also “frei” um mich beruflich zu orientieren. Grade im sozialen Bereich wird aber eine hohe Flexibilität voraus gesetzt. Wenn wir also weiterhin wollten, dass J. um 12 Uhr nach Hause kommt, brauchten wir eine andere Idee, das wurde schnell klar. Genau zu dem Zeitpunkt suchte unsere Gemeinde Integrationskräfte mit 15 Wochenstunden für die 6 örtlichen Kitas. Zwar wird dies meist von Erziehern übernommen und deshalb auch nur so bezahlt, aber dennoch erschien es uns als guter Anfang, solange unser Sohn noch so klein ist.

Mein Arbeitsbeginn war zu einer schweren Zeit, die ehemalige Leiterin der Einrichtung fiel aus, die Stimmung war explosiv, viele wurden nacheinander krank und dementsprechende Arbeitsstunden mussten aufgefangen werden. Dazu kam die Schwierigkeit für mich, meine Vorstellungen sowohl als Mutter als auch als diplomierte Sozialpädagogin oft hinten anzustellen und von meinen Wertvorstellungen abweichen zu müssen. Habe ich bis dahin eher in Kleingruppen, wie in der Schule oder im Mutter-Kind-Heim gearbeitet, so musste ich nun gefühlte Massenabfertigung betreiben und konnte nicht immer jedes Kind individuell nach seinen Vorlieben, Stärken und Schwächen, mit reinstem Respekt und Geduld begegnen. Mit der Zeit fanden wir im Team aber gut zusammen, jeder konnte nach seinen Stärken arbeiten, eine neue Leitung kam und die Zeit der extremen Überstunden endete. Die Stelle war nun gut vereinbar. Einmal wöchentlich betreute meine Mutter unseren Sohn am Nachmittag, so dass ich an Dienstbesprechungen und Supervision teilnehmen konnte. Wenn ich für kranke Kollegen einspringen musste, waren meine Kollegen tolerant genug um zu akzeptieren, dass ich meinen Sohn hin und wieder mitbringen musste.

Die Stelle war ein guter Einstieg für unsere Familie. Insgesamt war ich 3,5 Jahre dort angestellt. Unser Haus war mittlerweile fertig saniert und ich konnte meinem eigentlichen Arbeitswunsch nachgehen: Schon im Studium, bevor wir selber Kinder hatten, habe ich mich mit den familienintegrativen Hilfen (FiH) beschäftigt. Banal könnte man sagen, dass es sich dabei um professionelle Pflegefamilien handelte, die Kinder mit besonders schwierigen Lebensgeschichten und Problemen aufnehmen und sie innerfamiliär betreuen. Pro Erziehungskind, das mit im Haushalt lebt, werden 20 Wochenstunden angesetzt. Die Vorstellung 1:1 oder unter Beachtung unseres leiblichen Sohnes 1:2 arbeiten zu können, gefiel mir sehr. Völlig individuell auf die Geschichte, die Stärken und Schwächen, die Ängste und Nöte eingehen zu können und trotzdem für mein Kind da sein zu können, ein Team im Rücken zu haben, Fachberatung, Supervision und Fortbildungen zu erhalten, klang sehr verlockend. Und so kam es, dass ein 3-jähriger kleiner Wildfang bei uns einzog. Unser leiblicher Sohn war zu diesem Zeitpunkt 4,75 Jahre alt und freute sich auf “seinen kleinen Bruder”. Da R. selber schon lange in die Kita ging, und ich mich in meiner Kita wohlfühlte, beschloss ich meine Stelle vorerst zu behalten und arbeitete somit 35 Wochenstunden. Meine nette Chefin erklärte sich bereit, mir einen Tag wöchentlich frei zu geben, um zu den Teamsitzungen meiner neuen Stelle gehen zu können. Aufgrund vieler vorhandener Überstunden, die ich abbauen konnte, war dies möglich.

Wir arbeiteten also beide fast Vollzeit, bzw. mein Mann weit darüber, obwohl unser Sohn nur halbtags betreut wurde. Der gesundheitliche Zustand unseres Pflegesohnes, körperlicher aber vor allem seelischer Art, machte es schnell schwierig. Viele Arzttermine kamen am Vormittag, während meiner eigentlichen Arbeitszeit, hinzu. Viele Gesprächstermine mit verschiedensten Stellen, viel Schriftverkehr wollte erledigt werden und somit verbrachte ich die Abende bis in die Nacht damit meine Arbeit zu erledigen um mir freie Zeit für die Kinder am Tag zu schaffen. R. lebte sich ein und wir wuchsen zusammen. Seine psychischen Probleme waren weitaus gravierender als bis dahin angenommen und erforderten viel Aufmerksamkeit, die selbst bei einer Betreuung von 1:2 nicht immer leicht war. Ich jonglierte also die Bälle von zwei Arbeitsstellen, zwei Kindern mit vollem Terminkalender sowie unserem Heim und fand diesen Spagat wahnsinnig anstrengend. Mit der Zeit wurde der Schriftverkehr weniger, die Arzttermine waren geschafft und alle Beteiligten erkannten, dass R. überfordert war, mit seinem eigenen zu bewältigten Spagat zwischen seinen Bedürfnissen und denen seiner leiblichen Familie und gönnten ihm mehr Zeit für sich. Dies brachte Ruhe in ihn und somit in unsere Familie.

Nach einigen Monaten wurde ich überraschend schnell schwanger und bekam ein sofortiges Arbeitsverbot für meinen Kitajob erteilt. Dieses fand ich völlig unnötig und übertrieben, aber es lag leider nicht in meiner Macht diese Entscheidung zu beeinflussen. Mir tat es sehr leid für meine Kollegen, die nun meine Stunden auffangen mussten, bis sich eine Vertretung fand. Auch vermisste ich sie und meine Arbeit dort sehr.

Der einzige Vorteil war, dass es unsere Familie sehr entlastete, auch R. die Möglichkeit bot mehr zuhause zu sein und sich hier und an uns zu binden. Der wirklich stressigste Teil meiner Arbeit blieb mir aber natürlich auch im Beschäftigungsverbot, im Wochenbett und in der Elternzeit nicht erspart und stellte eine große Herausforderung für mich und unsere ganze Familie dar. Auch war unsere Tochter ein bedürfnisstarkes Baby, das mich intensiv brauchte und noch braucht. Meine Stelle in der Kita war befristet und endete leider in der Elternzeit. Meine Arbeit in den familienintegrativen Hilfen endet in Kürze. Unser Pflegesohn wird nun, mit 6-Jahren, zu seiner leiblichen Mutter ziehen, die ihre Probleme im Griff hat und Großes geleistet hat und nun bereit ist, ihren Sohn selber zu betreuen. An dieser Stelle muss es mir gelingen mein Mutterherz auszuschalten, und R. rein auf professioneller Ebene zu begleiten, zu halten, zu stärken und zu übergeben. Wenn all das geschafft ist, dürfen wir zusammen brechen, trauern und hoffentlich gestärkt wieder raus gehen und überlegen wie unser Weg als nur noch 4-köpfige Familie und mein Weg als Sozialpädagogin weiter geht und wie beides wieder vereinbar sein kann. Die Arbeit in den familienintegrativen Hilfen war zwar gut vereinbar mit unseren eigenen Kindern, verlangte genau diesen und uns als Familie aber auch sehr viel ab.

 

Rückblickend betrachtet, war ich also nie nur Arbeitnehmer oder leider nie “nur” Mutter oder richtig in Elternzeit, sondern bin  immer mehrgleisig gefahren:

Studium + Baby

Integrationskraft + FiH (+ eigenes Kind)

FiH + Baby + eigenes Kind

Es war also immer irgendwie möglich Familie und Beruf zu vereinen, mit Kompromissen und oft stressigen Phasen. Dennoch wünsche ich mir, sollten wir jemals noch ein weiteres Kind bekommen, das klassische Arbeitsmodell vom Vollzeit arbeiteten Mann und der Frau die dann vorrübergehend Vollzeit die Kinder betreut. Ein noch größerer Traum wäre es natürlich, wenn wir beide ein Jahr gleichzeitig in Elternzeit gehen könnten. Dies wird zwar wohl ein Traum bleiben, aber träumen ist ja bekanntlich erlaubt.

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