Übers Arbeiten, Leben und Bloggen

Die letzten Wochen waren pfffff. Hart. Anstrengend. Unbefriedigend. Ausbrennend. Erschöpfend. Grenzkompensiert. Unser Leben hat mit einem Mal eine Schlagzahl bekommen, die wir so nie geplant, geschweige denn gewollt hatten. Da sind die drei Kinder, da sind insgesamt 50 Stunden Job, verteilt auf einmal 40 und einmal 10 Stunden. Eigentlich wollten wir immer nur 40 Stunden und die geteilt, aber es kam anders, aus verschiedenen Gründen. Da sind Hobbys und Ehrenämter, die gefüllt werden wollen. Da sind Dinge, die wir nicht ändern können, die aber erledigt werden müssen. Da ist ein Haus, das ein Zuhause sein soll und nicht nur ein Dach überm Kopf mit vollem Kühlschrank. Da sind Zweifel. Da ist die Frage, ob ich noch die Hauptdarstellerin in meinem Film bin und wer eigentlich verdammt nochmal gerade Regie führt.

Da ist keine Zeit. Da ist keine Muße. Da ist kein Raum zum Durchatmen, zum in die Sonne schauen, zum Wolken beobachten, zum Regenwürmer zählen, zum Erbsen beim Wachsen beobachten. Da ist kein Raum, um selbst zu wachsen oder um gut auf sich aufzupassen.

Erwachsenenleben, so habe ich lange gedacht, ist halt einfach so. Da beißt man die Zähne zusammen und trägt Verantwortung – für sich, für die Kinder, für den Mann. Für die Rente, für das Haus, für alle Eventualitäten.

Mutter sein, das heißt aber auch lieben. Bedingungslos lieben, freigiebig lieben. Unerschöpflich lieben. Ehefrau sein, das heißt auch lieben, ähnlich freigiebig, unerschöpflich und bedingungslos. Tochter sein, Enkelin sein, Schwester sein, Nichte sein, Cousine sein, Freundin sein – das heißt ein offenes Herz haben – und lieben. Es liebt sich aber nicht gut mit zusammengebissenen Zähnen.

Arbeiten, das heißt mehr als nur Geld verdienen, es heißt sein Bestes geben. Präsent sein. Sich drauf einlassen und nicht mit halben Herzen und zusammengebissenen Zähnen dazusitzen und Rente und Katastrophenszenarien abzusichern.

Christin sein, das heißt, nicht allein verantwortlich zu sein. Das heißt darauf zu vertrauen, dass man nicht alles absichern muss, weil jemand anders ein Netz spannt und Regie führt. Es heißt weiterdenken, über materiellen Wohlstand, Katastrophen und Sicherheitsbedürfnis hinaus. Ja, sogar über dieses Leben hinaus.

Mutter sein, Ehefrau sein, Christin sein, Mensch sein und Erwachsen sein, das heißt vor allem, gut auf sich zu achten. Es heißt heil zu bleiben, weil einem ein Sicherungsnetz nichts nützt, wenn man in Stücke gebrochen drauf fällt.

Heil sein, das heißt manchmal auch einfach springen. Ohne Netz – aber hoffentlich mit Flügeln und starken Armen.

Ich springe – raus aus dem Job. Rein in ein neues Leben. Zukünftig bin ich Homemakerin, Erziehungswissenschaftlerin – und hoffentlich irgendwann in den nächsten Jahren Eltern- und Familienberaterin. Ich möchte eine neue Balance finden, für mich, für uns, für unser Leben.

Ich habe Unvereinbarkeitsdebatte aufgebaut, weil ich die öffentliche Sichtweise auf die Vereinbarkeit von Beruf und Familie in Frage stellen wollte. Besonders durch die Gastbeiträge, aber auch durch Mails und Kommentare, die ich erhalte, habe ich viel gelernt. Besonders, dass es nicht den einen Weg gibt. Es ist nicht für jede Familie besser, wenn einer ganz daheim bleibt, es ist aber auch nicht für jede Familie gut, wenn beide arbeiten gehen. Es ist nicht für jedes Kind ein Gewinn, ganztags in Betreuungseinrichtungen zu sein und es ist nicht für jedes Kind schön, nur daheim zu sein. Manche Eltern schaffen es, trotz Vollzeitjob noch ein wunderbares, schönes, warmes Zuhause zu schaffen, in dem jedes Familienmitglied genügend Aufmerksamkeit und Wertschätzung erhält – andere Eltern geraten selbst bei einer 10-Stunden Woche ins Straucheln. Manche Familien profitieren davon, wenn sie eine gut durchorganisierte Wochenplanung haben, andere brauchen Freiräume und Chaos.

Manche Familien bestehen aus Vater, Mutter und eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben…Kindern. Manche nur aus Mama und Kind oder aus Papa und Kind oder aus Papas und Kindern oder aus Mamas und Kindern oder aus Mamas mit neuen Papas und anderen Mamas oder haben Omas im Haus oder Opas und die helfen – oder die gepflegt werden müssen.

Für all diese Menschen gibt es nur einen Weg – und zwar ihren Individuellen!

Wir brauchen viel Zeit um Wärme zu erzeugen und um ein Zuhause zu machen. In Hektik funktioniere ich nicht. Wir brauchen viel Freiheit, um uns wohl zu fühlen, zu viele Termine engen uns ein und schnüren uns die Luft ab – das ist bei uns Eltern so und bei den Kindern auch. Wir brauchen Spontanität und Lücken im Alltag, um gute Kinder, Eltern, Partner, Enkel, Nichten, Neffen, Cousinen, Cousins oder Freunde zu sein. Wir brauchen ein Leben, dass es zulässt, dass der Frühstücksbesuch spontan bis zum Abendessen bleibt, um glücklich zu sein.

Ich brauche kreative Freiräume, um gut arbeiten zu können. Enge Deadlines und starre Vorgaben sorgen nicht dafür, dass ich zu Höchstformen auflaufe, sondern dafür, dass ich den Kopf in den Sand stecke. Eine nicht enden wollende to-do Liste spornt mich nicht an, sondern versetzt mich in Angststarre.

Um die Verantwortung für unser Leben zu übernehmen, muss ich agieren können, nicht nur reagieren.

Ich möchte in meinem Film wieder die Hauptrolle spielen und beim großen Regisseur zumindest die Regieassistenz übernehmen.

Es wird sich einiges ändern, neue Themen werden sich in meinem Leben auftun, neue Gedanken, die ich mit der Welt teilen möchte. Eine Unvereinbarkeitsdebatte möchte ich weiterhin führen und dafür kämpfen, dass der eine Weg für alle möglich wird – was einfach bedeutet, dass jede Familie ihr individuelles Leben führen kann. Ich freue mich weiterhin auf eure Gastbeiträge, erzählt mir bitte weiterhin eure Geschichten, jede einzelne ist so besonders, so speziell und so inspirierend.

Aber ich wäre nicht ich, wenn ich nicht auch meinen zukünftigen Weg mit der Welt teilen würde und so arbeite ich zumindest in Gedanken schon wieder an einer weiteren Blogprojekt. Lasst euch überraschen und bleibt mir treu.

Advertisements

3 thoughts on “Übers Arbeiten, Leben und Bloggen

  1. Du springst – raus aus dem Job. Und ich gratuliere Dir zu diesem mutigen Sprung. Er erfordert Mut, aber meinen großen Respekt hast Du. Ich finde diesen Schritt – auch aus meinen persönlichen Erfahrungen heraus – einfach nur nachvollziehbar. Vielleicht ist er die logische Konsequenz, wenn man das Thema “Vereinbarkeit” zu Ende denkt ;-). Von Herzen alles Gute für Dich für Deine weiteren Schritte.

    Liked by 1 person

  2. Eine großartige Entscheidung! Wie du weißt, habe auch ich diese Entscheidung für mich und meine Familie getroffen! Und ich kann dir eines sagen: Es fühlt sich immer noch voll und ganz richtig an! Die Zeit mit den Kids haben wir nur einmal und wir sollten sie genießen!
    Gruß Sylvi

    Liked by 1 person

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s