Sommerferien kürzen? Niemals!

Morgen enden offiziell die hessischen Sommerferien. Am Montag darf ich meinen Kindern wieder Schulranzen und Rucksack aufsetzen, sie zum Abschied küssen und sie hinaus in die Welt schicken. Am Montag übergebe ich sie wieder ihren Lehrerinnen und Erzieherinnen, ihren Freundinnen und Kameraden. Sie werden wieder ihren Hobbys nachgehen, Hausaufgaben machen müssen oder für Klassentests lernen. Kurz gesagt – wir starten zurück in den Alltag.

Ich muss gestehen, mittlerweile freue ich mich, sie endlich wieder ins „normale Leben“ zu schicken. Nach sechs Wochen Ausnahmezustand gefällt mir der Gedanke, dass meine Tage ab Montag wieder berechenbar sind. Ab dann weiß ich nämlich wieder, zu welchen Tageszeiten ich mich um Haushalt und Beruf kümmern kann und wann ich ganz sicher von Fragen, Tränen oder Alltagsgeschichten, die keine Sekunde warten können, unterbrochen werde. Seit Mitte Juli steht das Leben bei uns daheim etwas stiller als sonst. Der Staub hat es sich allenorts gemütlich gemacht, eine latente Unordnung durchzieht die Räume, der Blog schweigt und hier liegen 1000 andere Dinge unerledigt rum. Es wird Zeit, dass sich das ändert, keine Frage.

Dreingeben möchte ich die letzten sechs Wochen trotzdem um nichts in der Welt. Niemals, wirklich niemals werde ich fordern, die Sommerferien unserer Kinder zu verkürzen oder irgendwelche anderen Ferien. Im Gegenteil – der Erhalt dieser Freiräume ist mir eine Herzensangelegenheit, eine für die ich so sehr brenne, dass ich mich dafür wahrscheinlich nackt am Ministerium anketten würde, wenn es nötig wäre.

Es macht mich wütend, dass in den letzten Jahren immer wieder Stimmen durch die öffentliche Diskussion geistern, die das anders sehen. Den Ruf, die Ferien zu verkürzen, damit wir Eltern Beruf und Familie besser vereinbaren können, empfinde ich als Unverschämtheit – ja regelrecht als Verbrechen an der nächsten Generation. Mit welchen Recht, frage ich mich, können wir Eltern unseren Kindern nehmen, was wir selbst gehabt und genossen haben? Mit welchen Recht dürfen wir die kindlichen Bedürfnisse noch weiter beschneiden und an die Gesetze von Markt und Wirtschaft anpassen? Wer sind wir, dass wir uns anmaßen zu entscheiden, dass Ruhepausen und Muße plötzlich nicht mehr so wichtig sind wie Profit, Verfügbarkeit und Bildungswahn?

In den Ferien, speziell im Sommer, wenn Schuljahr und Klassenarbeiten abgeschlossen und Zeugnisse geschrieben sind, dürfen unsere Kinder endlich loslassen. Endlich sind ungeliebte Lehrer, schwierige Fächer oder mobbende Klassenkameraden mal meilenweit weg. Endlich einmal dürfen sie das Eis in der Sonne als wichtigsten Moment des Tages ansehen. Endlich einmal dürfen sie vom Aufstehen bis zum Schlafengehen selbst entscheiden, was sie mit ihrer Zeit anfangen wollen. Endlich einmal darf kreative Langeweile das größte Problem sein.

Wenn ich an meine eigene Kindheit denke und an meine Sommerferien, dann sehe ich mich mit meinem Bruder durch den Ort ziehen, von Spielplatz zu Spielplatz oder zum Brückenpfeiler unter der Fuldabrücke, auf dem wir Chips naschend sitzen und Musik hören. Ich sehe uns Rucksäcke für den Familienurlaub packen oder Autorennen auf dem Flur veranstalten. Ich sehe uns mit unserer Cousine im Schwimmbad und hinterher in Omas Hinterhof beim Grillen. Uns beide, meinen kleinen Bruder und mich, trennen viereinhalb Jahre. Wir waren somit nur selten auf denselben Schulen oder in denselben Lebensphasen. Trotzdem waren wir eng und sind es bis heute. Ich bin mir sicher, dass es genau solche Momente waren, die uns zusammegeschweißt haben. Momente der Freiheit und des kindlichen Abenteuers, Momente in denen unsere größte Sorge war, ob Papa das Planschbecken und den Rasensprenger schon aufgebaut hat. Wer wäre ich, wenn ich meinen Kindern das heute nehmen wollen würde?

Es ist schwieriger geworden für Eltern, das sehe ich ein, aber es ist an uns Erwachsenen, Lösungen für die Probleme unserer Generation zu finden, nicht an unseren Kindern.

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2 thoughts on “Sommerferien kürzen? Niemals!

  1. Pingback: Sommerferien – schulfreie Zone bitte! | Eltern sein - Familie leben

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